ZdK 05 – Ice Bucket Challenge

Ice Bucket Challenge

„Ich habe heute an dieser ALS Ice Bucket Challenge teilgenommen. “ sagt der Schmock.

„Aha, wer hat dich nominiert?“, frage ich zurück, während ich mir in der Küche ein Glas Wasser genehmige und parallel mein Erdbeermarmeladenbrötchen mit Käse belege.

„Viktoria.“, sagt der Schmock.

„Ah stimmt. Ich hatte sie ja nominiert.“, der Schmock schaut mich ungläubig an.

„Du hast bei der Ice Bucket Challenge mitgemacht und mich nicht nominiert?“, fragt er dann nach einigen Sekunden.

„Nein.“, sage ich, „ich wollte nur, dass Victoria sich entsprechend zur Schau stellt. Du weißt schon, das Ding mit dem Selbstvertrauen und so.“ Entgeistert schaut er mich an und ich bereite mich innerlich auf einen dieser moralischen Vorträge vor, die er hält, wenn ich seiner Meinung nach mit Victim zu weit gehe.

„Du hast noch nicht an dieser Challenge teilgenommen?“, fragt er jedoch entsetzt.

„Nein, was soll das?“, gebe ich zurück.

„Bist du ehrlich so ein schlechter Mensch, dass dich das Leid anderer so kalt lässt und du dich auch hier weigerst mitzumachen nur um wieder aufzufallen? Da hast du die Chance etwas Gutes zu tun und du zeigst allen die kalte Schulter?“ ich muss schmunzeln bei der Aussage, eigentlich ist es andersherum, sie zeigen mir ihre kalte Schulter, doch weiter im Text. „Du musst wieder was Besonderes sein, oder? Dabei bist du eine Persönlichkeit des öffentlichen Interesses und könntest so viele Menschen erreichen, aber nein, der feine Herr ist sich zu fein um sich Wasser über den Kopf zu schütten und etwas Geld zu spenden. Dabei müsstest du nicht mal spenden, es reicht wenn …“, ich unterbreche ihn, in dem ich ihn mein Glas Wasser über den Kopf schütte. Hat er gleich zwei Mal mitgemacht.

„Erstens, kein Mensch interessiert sich für mich oder meinen Blog, Ich erreiche also niemanden. Und zweitens, ich wurde einfach nicht nominiert.“, antworte ich ihm.

Sofort laufen dem Schmock Tränen über die Wangen. Erst dachte ich, weil ich ihm das Wasser über den Kopf geschüttet habe, doch er setzt dabei ein Blick auf, als hätte ich ihm gerade mitgeteilt, ich würde an Amyotrophe Lateralsklerose leiden und hätte nicht mehr lange zu leben. Er kommt langsam auf mich zu und breitet dabei die Arme aus. Ich weiche angewidert zurück. Das kommt mir gerade wie ein ganz schräger Zombiefilm vor, nur das dieser mich nicht fressen sondern knuddeln will. Und ehrlich, mir wäre der blutrünstige Zombie um einiges lieber. Vorsichtig lasse ich mein mit Marmelade beschmiertes Messe in meine Hosentasche gleiten, man weiß ja nie, denn nur das Abtrennen des Kopfes hilft gegen Zombies. Habe ich gelesen. Doch vorerst hole ich aus und gebe ihm eine Backpfeife.

„Was soll das, geh weg.“, setze ich noch nach.

„Ich wusste nicht, dass es so schlimm um dich steht. Es tut mir so leid. Hätte ich das gewusst, dann hätte ich dich doch …“, er beginnt zu schluchzen und das ist der Moment wo ich abhaue.

Was das soll? Warum schockt es ihn so,  dass ich nicht mitgemacht habe, bzw. nominiert wurde? Ist doch egal. Ich setze mich an den Rechner und besuche die Seite, die alle diese begossenen Pudel miteinander verbindet. Es haben scheinbar schon so einige mitgemacht. Eminem auf der Bühne, Matthias Schweighöfer oben ohne auf einem Hinterhof und Mädchen, denen bei diesem zweckentfremdeten Taufprozedere das Bikinteil runterrutscht. Immer schräger werdende Challenges, es reicht nicht mehr einfach nur teilzunehmen, es muss immer verrückter werden. Es werden sogar die Eltern nominiert die sich in ihren Strebergarten stellen und sich ebenfalls eisgekühltes Wasser über den Schädel gießen lassen. Es wurde wahrscheinlich mehr Wasser vergossen als Afrika je hätte verbrauchen können. Ich schaue mir Victim’s Challenge an. Sie trägt natürlich einen Jutebeutel über Kopf mit dem Bild eines dieser besagten begossenen Pudel. In der Beschreibung sehe ich, dass sie sich auf die Nominierung von ihrer alten Arbeitskollegin bezieht, die sie im volltrunkenen Zustand nominierte, ausversehen wahrscheinlich. Na gut, dann hat sie halt nicht wegen mir teilgenommen, egal. Sie selbst hat wiederum den Schmock nominiert, als zweiten den Obdachlosen vor ihrer Haustür, der ihr immer schmutzige Kommentare hinterher ruft und zu guter Letzt Britney Spears.

Anscheinend wurde echt jeder nominiert, nur ich nicht. Plötzlich fühle ich mich einsam und von der Gesellschaft ausgegrenzt. Das ist so wie früher auf dem Bolzplatz, wo es immer einen gab, der als Letztes gewählt wurde, und ich hätte mich gefreut an seiner Stelle zu stehen, denn ich habe es nicht mal bis dahin geschafft, denn ich wurde gar nicht erst gewählt. Ich bin der letzte Mensch ohne Nominierung, ich bin ein Außenseiter. Ich spüre förmlich wie die NSA sich auf meinen Rechner hackt, um meine Webcam einzuschalten, so dass jeder auf dieser Welt mitleidsvoll den Menschen ohne Freunde begaffen kann. Jeden einzelnen Blick spüre ich und jeder einzelne Blick schmerzt, bzw. würde schmerzen, wenn mich das interessieren würde. Was früher die Anzahl der Facebookfreunde waren, um sich in der allgemeinen Beliebtheitsskala zu positionieren, sind heute die ALS-IBC-Nominierungen. Und Dank mir hat Victoria sogar zwei Nominierungen. In welch einer Zeit leben wir eigentlich, wenn wir unsere gesellschaftliche Stellung nun an Internethypes messen? „Bedauert mich, ich wurde nicht nominiert!“ Was soll das? „Oh, schaut euch mal den tollen Justin Bieber an, der wurde schon 3293 mal nominiert, der muss ein ganz toller Typ sein.“ Ich werde das Spielchen nicht mitmachen. Mir ist das egal. Bleibt unter euch, ihr tollen Menschen im Internet, ich bleibe wo ich bin, dann komme wir uns nicht in die Quere.

Ich gehe auf meinen Reallife-Balkon um mir eine Reallife-Zigarette anzuzünden, da kommt auch schon der Reallife-Schmock daher gerannt.

„Ich habe mir etwas überlegt, Mick. Du musst nicht mehr traurig sein. Wir bekommen das hin, ich lade dich in unsere WhatsApp-Gruppe der tollen Menschen ein, da sind total viele drin, eigentlich alle und alles furchtbar tolle Menschen, die wollen dich alle mal kennenlernen.“, er wirkt regelrecht euphorisch, dass er eine Möglichkeit gefunden hat, mich in die Gesellschaft wieder zu reintegrieren.

„Ich habe kein WhatsApp, aus Prinzip.“, sage ich wahrheitsgemäß.

Ruhe.

Nach einigen Schreckminuten breitet der Schmock wieder seine Arme aus und die Tränen laufen ihm wieder über die Wangen nur noch heftiger und mit einem unglaublich beängstigenden Schluchzgehäule. Als er auf mich zukommt, zücke ich das Marmeladenmesser. „Nur das abtrennen des Kopfes hilft.“, sage ich wie ein Mantra immer wieder auf.

Es grüßt

Mick Elodeon

P.S.: Eing großer Dank geht nach Hamburg und nach Berlin.

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