ZdK 04 – Gesellschaftskritische Toilettenwandverse Teil 2: der Knast

„Ey Mick, man kann ja wieder durch deine Windschutzscheibe schauen, du hast doch nicht etwa deine ganzen Strafzettel bezahlt?!“, ruft der Schmock während er meine Wohnung betritt, die Tür schließt und seine Jacke an den Haken wirft.

„Ach komm her, ich muss dir was zeigen.“ Draußen heult die Sirene eines Polizeiwagens auf. Ich zucke zusammen und schließe das Fenster hinter mir. „Bei dem Krach kann sich ja niemand konzentrieren!“, füge ich noch hinzu.

„Was willst du mir zeigen Mick?“

„Ich habe viel nachgedacht in letzter Zeit und mir ist was aufgefallen.“, leite ich ein. „Die deutsche Sprache führt so manch verrücktes Spiel mit uns.“

„Ich weiß nicht, ob ich darauf Bock habe.“, entgegnet mir der Schmock noch bevor ich wirklich loslegen kann. Er wirft sich auf die Couch und scheint mir, wenn auch widerwillig, zuzuhören.

„Na nur mal so als Beispiel die Vorsilben ‚be‘ und ‚er‘. Vertausche diese beiden Vorsilben bei verschiedenen Wörtern und schon lässt du diese Wörter in einem ganz anderem Licht dastehen. Befahren, tausche dort die Vorsilbe und du erhältst erfahren!“, gebe ich zum Besten. „Ist das nich der Wahnsinn?“

„Huhu, du kleiner Sherlock Holmes der deutschen Sprache, was hast du da nur wieder für einen mysteriösen Fall aufgedeckt?“, beginnt er mit leicht gekünstelt eloquenter Stimme zu scherzen.

„Ach, sei ruhig Watson und höre zu, ich habe einen neuen Vers an die entsprechende Toilettenwand geschrieben zu dieser Thematik.“, gebe ich mit einem Hauch Humor meinerseits zurück.

„Du hattest wohl wirklich die letzten Tage nicht viel zu tun.“

Ich mache die Musikanlage aus, es lief gerade ‚Fuck tha Police‘ von N.W.A, setzte mich wieder auf meinen Sessel und beginne meinen gesellschaftskritischen Vers vorzutragen.

Einst hat ich ihn bestochen, niemals je bewirkt
Hat diese Art des Lockens und das hat mich verwirrt
Ich dacht er wart betrunken, doch glaubte ich’s vergeben
So half ich dem Halunken, erkämpfte dessen Leben

Ich werd mich nicht begeben an diesen dunklen Ort
Um all das zu verstehen, bekenne jedes Wort
Zum Schluss ein Rat an jeden Mann, sei clever und gerissen
Wer das liest, ist besser dran, erhält er dieses Wissen

Mick Elodeon
(Gepostet an die Toilettenwand der Gefängniszelle 323 in der JVA Berlin Moabit Teilabschnitt 2)

„Ui, ein verschlüsseltes Geständnis. Wie clever.“, Er rollt mit den Augen, „Einfach die Vorsilben ‚be‘ und ‚er‘ konsequent vertauschen und schon ergibt alles einen anderen Sinn. Aber wie kommst du bitte an diesen Ort, um den Vers an die Wand zu bringen?“, fragt mich der Schmock.

„Was? Ist doch egal, siehst du denn wieder nicht die unglaubliche Botschaft, die dahinter steckt? Die Kritik an die Gesellschaft? Dieser Vers muss dir doch mit Anlauf in dein Gewissen treten und einen unerträglichen Schmerz zuführen.“, frage ich ihn meinerseits zu tiefst entrüstet.

„Na Mensch Mick, da ist aber einer wieder sehr überzeugt von sich, wie?“ Darauf gehe ich  nicht weiter ein und komme wieder auf den Vers zu sprechen.

„Dieser Vers richtet sich gegen unser marodes Rechtssystem! Zu Hauf werden Straftäter zu früh frei gelassen oder gar nicht erst gefasst. Zu oft sitzen die Falschen in diesen grauen Zellen, nur weil die Justiz einen schnellen Abschluss einer Verhandlung sucht. Die arme Seele, die fälschlicherweise eingesperrt wird, kann doch im Grunde sein ganzes Leben wegwerfen. Die Gesellschaft nimmt einen Geächteten doch nicht mehr in seine Kreise auf, egal welche Stellung er zuvor genossen hat. Das alles nur, weil eine, welche zum Schutz eines jeden Bürgers einberufene Institution, sich sein zugesprochenes Vertrauen missbraucht und scheinbar mit Absicht die Guten verhaftet, um die Abtrünnigen weiter verfolgen zu können. Denn wenn alle Verbrecher gefangen sind, benötigen wir ja die besagte Institution nicht mehr. Verstehst du das? Unschuldige werden als Instrument der Rechtfertigung dieses Apparates genutzt. Brave Bürger, die sich nie etwas haben zu schulden kommen lassen, müssen den Kopf hinhalten, damit Verbrecher weiter ihren Verbrechen nachgehen können. Angst wird doch mit Absicht geschürt um den kleinen Bürger einzuschüchtern. Dieser Vers zeigt doch, dass Verbrecher, Unholde, Taugenichtse machen können was sie wollen. Dieses Geständnis ist das Geständnis dieser Institution an die Gesellschaft!“

„Sag mal Mick, wo warst du die letzten paar Tage? Wo sind die ganzen Strafzettel die deine Windschutzscheibe verziert hatten?“, fragt mich der Schmock wieder, steht auf und geht zum Fenster.

Meine Schultern sacken nach unten, mein Blick wendet sich dem Boden zu und mein ganzer Körper scheint mit einem Mal zu erschlaffen. Eine schwarze Wolke schiebt sich vor die Sonne und alles erscheint einem grau, einem alles farbenraubendes Grau. Die ganze Umgebung verschwimmt. Die Luft wird eisig und ein Schauer legt sich auf meinen Nacken.

„Ich musste für eine Nacht in dieses Gefängnis. Es solle mir eine Lehre sein, haben sie gesagt. Ich bin jetzt ein anderer Mensch, ich bin abgestumpft, keine Gefühle, kein Empfinden mehr in mir, außer Hass!“, antworte ich mit halber Lautstärke. „Aber ich habe gelernt, mir wird das nicht mehr passieren, nie wieder.“

„Na das ist doch gut, wenn du daraus gelernt hast. Wo wir schon mal beim Thema sind, Mick, unten läuft gerade wieder jemand vom Ordnungsamt rum und verteilt Strafzettel und wenn du dich nicht beeilst, wirst du auch wieder gleich einen haben.“, gibt mir der Schmock aus dem Fenster blickend zu bedenken.

„Wie heißt du eigentlich richtig? Ich nenne dich immer nur Schmock!“, frage ich beiläufig und hole meinen Tabak aus der rechten Hosentasche.

„Hörst du mir nicht zu, Alter? Du bekommst gleich wieder einen Strafzettel, das sind die kleinen Zettel, weswegen du gerade im Knast warst!“, ruft der Schmock, (wie heißt er bloß richtig?) leicht aufgebracht.

„Ach mach dir keine Sorgen, ich habe den Wagen umgemeldet, er gehört jetzt offiziell Victoria. Sie hat in der letzten Unterrichtsstunde dafür unterschrieben, als sie dachte, sie unterschreibt auf der Anwesenheitsliste des Kurses.“, gebe ich gelassen zurück.

„Ernsthaft? Das ist kriminell.“, dabei dreht er sich vom Fenster zu mir um, die Augen weit aufgerissen und etwas fassungslos, wahrscheinlich weil er mich das erste Mal eine Zigarette drehen sieht, oder weil ich dabei total unbeholfen aussehe oder beides.

„Der Knast verändert einen Mensch.“, sage ich ihm ohne zu ihn aufzublicken, ich schaue noch immer nach unten auf meine fast fertige Zigarette, „Ich habe doch gesagt, ich habe daraus gelernt!“

Ich werfe die Kippe in die Luft, fange sie mit meinen Lippen, ziehe aus meiner Hosentasche ein Zippo, öffne es, schnippe gegen das Rad um die Flamme zu entzünden und ziehe genüsslich dran um dem Schmock anschließend den Qualm in seine weiter aufgerissenen Augen zu pusten.

Danach bekomme ich einen Hustenanfall und muss mich fast übergeben, ich lasse das mit dem Rauchen doch lieber.

Es grüßt

Mick Elodeon

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