ZdK 03 – Gesellschaftskritische Toilettenwandverse Teil 1: Samenbank

„Ich habe ein neues Hobby!“, verkünde ich stolz dem Schmock.

„Aha.“, er schaut kurz auf, schätzt ab, ob es sich lohnt nachzufragen, widmet sich dann aber wieder seiner Zeitschrift.

„Ich schreibe gesellschaftskritische Verse an Toilettenwände in denen dafür entsprechenden Einrichtungen.“

„Aha.“, unruhig blättert er schneller durch die Zeitung, um sich die Möglichkeit einer Flucht auf Grund der Beendigung seiner jetzigen Tätigkeit und somit der Aufnahme einer neuen Tätigkeit in einem anderen Raum offen zu halten. Ich mache ihm jedoch einen Strich durch die Rechnung und beginne die Offensive. Was hängt er auch ständig in meiner Wohnung rum.

„Du willst Näheres erfahren? Gut, hier mein erstes Werk, vor zwei Tagen veröffentlicht:“

Wo kein Richter, da kein Henker
Wo kein Dichter, da kein Denker
Wo kein Trichter, da geplemper
Wer das liest, der hat n‘ Ständer

Mick Elodeon
(Gepostet an der Toilettenwand der Samenbank Berlin)

„Aha.“, kommt lediglich vom Schmock, der sich bereit macht sich zu erheben.

„Wie Aha? Mehr fällt dir dazu nicht ein?“, frage ich.

„Doch, ist schön. Hast du gut gemacht.“

„Siehst du denn nicht, wie ich allein mit der ersten Zeile dem Spender ein sicheres Gefühl geben möchte? Die Gesellschaft verachtet doch noch immer diese Form der Beschäftigung. Dabei verhilft ein Spender, einem kinderlosem Paar zu wahrlich unsagbarem Glück. In seiner kleinen Kabine ist er befreit von all den verächtlichen Blicken und kann sich frei seiner Aufgabe widmen.“, gebe ich zu bedenken.

„Aha.“, erhalte ich als Antwort.

„Auch in der zweiten Zeile gebe ich ihm ein beruhigendes Gefühl, er solle sich keine Gedanken machen. Keinem wird hier etwas vorgemacht. Die Tatsachen sind geklärt. Er wird sich seiner Aufgabe bewusst und soll nur nach dem seine Tätigkeit ausüben. Klare Richtlinien, kein Raum für Interpretation. Die Gesellschaft stürzt uns nämlich in den Abgrund der Scham, weil es nicht dem Hochglanzcover der Zeitschrift Familie im Reinen entspricht. Von der Religion will ich gar nicht erst sprechen.“, ich versuche weiter seinen Blick dafür zu schärfen.

„Ok.“ Ein kurzer moment der Stille.

„In Zeile drei und vier wertschätze ich sogar seine Tätigkeit, indem ich ihm weitere Hinweise zur besseren Ausführung gebe. Er kann stolz sein, in diesem Moment seiner Manneskraft nicht beraubt zu sein, sondern diese sinnvoll einzusetzen und dies soll ihm auch mit der vierten Zeile bewusst werden. Es ist keine Schande der Allgemeinheit sein Wertvollstes zu überlassen, doch die Gesellschaft wendet sich ab und zieht nur die Augenbrauen hoch und lässt das unkommentiert stehen, anstatt dem Spender die Hand zu reichen und ihm zu danken. Aber nein, der Wohltäter bleibt anonym, er lebt ein Leben im Schatten der Gemeinschaft. Verachtet und geächtet. Kennst du einen Samenspender? Nein? Siehst du, keiner traut sich und genau dafür steht dieser Vers. Jetzt sag was dazu!“, die Arme in die Hüfte gestemmt, lasse ich keinen Zweifel an meiner Überzeugung zu. Ihm wird klar, dass ich eine gewissenhafte Antwort will. Der Schmock seufzt und sagt dann:

„Ich kenne diesen Vers schon.“

Stille. Ein Heuballen tanzt durch das Wohnzimmer und verschwindet im Flur.

„Oh.“, sage ich und ziehe eine Augenbraue hoch, „Ach so ist das. Aha.“

Wieder Stille.

Print Friendly

Zur Zeit keine Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Follow

Get every new post on this blog delivered to your Inbox.

Join other followers: