ZdK 02 – Victoria und das Internet

Mein Handy klingelt und fatalerweise gehe ich ran.

„Guten Tag Herr Elodeon?“, fragt mich ein schrille, leicht verwirrte Stimme.

„Nein, Bäckerei Zuckerbrot und Peitschenhiebe. Was kann ich für Sie tun?“, frage ich.

„Ich erkenne doch ihr Stimme Herr Elodeon, hier ist Victoria.“ Ich rolle mit den Augen und seufze leicht.

„Hallo Frau Timoczewski, was gibt es denn?“

„Ich habe seit einigen Tagen Internet und dort habe ich ihren Blog gefunden. Sagen Sie mal,“, sie wird bestimmend, schreiben sie da etwa über mich?“ Ich höre einen leicht agressiven Unterton aus Ihrer Stimme.

„Nein, natürlich nicht. Wie kommen sie bitte darauf?“, frage ich unwissend.

„Na, sie nutzen doch meinen Namen.“

„Das ist reiner Zufall, das könnte jede Victoria Timoczewski sein, sie werden doch wohl nicht das alleinige Recht auf diesen Namen haben, oder?“ Nebenbei starte ich mein Tablet und öffne die App für WordPress.

„Das glaube ich nicht, außerdem erzählen sie doch genau das, was wir beide erleben, ich lese das doch hier.“ Sie scheint etwas ungehaltener zu werden. Allein dieser Anruf zeigt mir, dass wir auf dem richtigen Weg sind, vor einer Woche hätte sie sich das nicht getraut, Gratulation.

„Nein das stimmt nicht, die Geschichten sind Fiktion, die können sie gar nicht kennen, oder haben sie meine Notizen gelesen? Das ist nicht in Ordnung Frau Timoczewski,“ nebenbei tippe ich fleißig mit, „ich lasse sie in meine Wohnung und sie lesen heimlich meine Notizen.“

„Nein gar nicht … da schon wieder, sie veröffentlichen ja sogar zeitgleich unser Gespräch, sogar während wir reden. Pups, Knack, Pantoffelheld. Sehen sie? Steht alles da. Das ist wie ein akustischer Spiegel, wenn man Grimassen ausprobiert. Knick, Knack. Alles schreiben sie mit.“ Eine Mischung aus Verwunderung, Fassungslosigkeit und Staunen lässt sich aus ihrer Stimme raus hören. Bei jeder Atempause drücke ich auf ‚Aktualisieren‘. „Hören sie bitte damit auf, “ fleht sie beinahe, „ich habe ihnen nicht meine Zustimmung gegeben und die benötigen sie für ihre Veröffentlichungen.“ Ich aktualisiere. „Hiphop, ist nur Schrott. Tut tut, täteretetä.“ Ich aktualisiere. „Thermodynamische Quantenalgorithmen.“ Ich aktualisiere. „Ha, falsch geschrieben!“ Ich korrigiere und aktualisiere. „Außerdem Herr Elodeon, nebenbei habe ich meinen Namen bei Google eingegeben und es gibt nur vier Ergebnisse (Stand 14.08.2013 link), alle verweisen auf ihren Blog. Wackelpudding, Käsefüße. Immer noch Zufall?“ Ich aktualisiere. Ihre wahllos eingeworfenen Wörter machen das nicht gerade einfacher.

„Haben sie folgenden Satz gesagt?“, frage ich sie. „Herr Elodeon ist ein sehr gut aussehender und charmanter Mann mit vollem, wunderbarem Haupthaar.“, sagt Victoria. Ich aktualisiere.

Stille. Sie hat wohl nur eine 6000er Leitung.

„Nein, habe ich nicht gesagt.“, sagt Victoria schließlich. Ich aktualisiere.

„Sehen sie, also doch Fiktion.“

„Na aber …“, beginnt sie, doch ich unterbreche sie.

„Was soll das denn noch hier? Die Sache ist geklärt, sie werden ja wohl nicht behaupten, das ich lüge.“ Ich lege auf … und aktualisiere.

Ach, Frau Timoczewski, unsere nächste Sitzung verschiebt sich um einen Tag, wir treffen uns erst am Sonntag. Vielen Dank für ihr Verständnis.

Es grüßt

Mick Elodeon

Ich aktualisiere.

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