08 – Schon Scheiße

Ich reiche dem Schmock einen Zettel mit folgendem Inhalt.

Keiner hört meinen Scheiß, ich krieg bald hier ne Kriese
Als hätte man mein Klo von innen schalldicht versiegelt
An sich ne schöne Sache, doch will ich, dass die Leute das hören
Auch wenn sie abgeturnt sind, sie solln über meine Scheiße reden

Und echt mein Lokus ist so groß
Mein Scheiß hat potential, es ist mehr als nur ne Notdurft
Ich mach‘ auch Fotos für Promos
Und lass nen Shitstorm dann los und scheiß auf den Chorus

Ich spitt wie n dunkles Gewitter
Und bring den Scheiß auf die Straße wie Hundebesitzer
Von Grund auf ein Schisser, exzellent im Verkacken
Mein Scheiß ist so heiß wie Exkremente von Drachen

Der Schmock legt das Blatt mit den ersten zwölf Zeilen zur Seite, jedoch blickt er mich nicht an. In letzter Zeit hängen er und Victoria ständig in meiner Wohnung, da können sie ruhig an meinen Gedanken teilhaben.

„Na was? Ist doch cool oder nicht? Du wolltest doch mal nen Text von mir sehen.“, entgegne ich ihm erwartungsvoll während ich auf dem Küchenstuhl sitze und an meinem Kaffee nippe.

„Ja schon, aber das Wort Scheiße wird schon recht hochfrequentiert genutzt, schon bald inflationär, meinst du nicht?“, antwortet der Schmock gedankenverloren und den Blick aus dem Fenster gerichtet.

„Na, darum geht es doch Schmock. Das Wort Scheiße wird gerade in unserem Subgenre in einer unglaublichen Häufigkeit genutzt, davor muss man die Jugend doch bewahren.“

„Und das willst du erreichen, indem du das so unliebsame Wort ständig zwischen die Kicks und Snares drückst?“

„Klar doch Schmock. Verstehst du denn das schon wieder nicht? Durch das, wie so schön von dir gesagt, inflationäre Nutzen dieses Wortstammes erhoffe ich mir einen Überdruss dessen zu bewirken. Das Wort soll so abgenutzt werden, dass niemand mehr es nutzen will. Es soll uncool werden, weil nun jeder Scheiße sagt.“

„Und was, wenn jeder deinen Song mag?“, fragt mich der Schmock.

„Hört doch keiner meinen Scheiß. Außerdem will ich darauf aufmerksam machen, dass das besagte Wort von seiner Bedeutung her total missbraucht wird. Sätze wie Mein Scheiß ist so cool oder Dein Track ist voll der shit entziehen sich doch jeder Logik. Wie kann Scheiße denn cool sein? Oder wenn jemand sagt, das sein Text scheiße ist, ist es doch eine negative Aussage, aber die gelehrte Rapgemeinde dreht es ins Gegenteilige und man suggeriert, dass shit ein positiver Ausdruck sei. Das machen alle so. Ich will das sich jeder diesem Paradoxum bewusst wird.“, ich muss den Schmock anstupsen, da er im Stehen eingenickt ist, halte meinen Monolog dann weiter.

„Wir können die Jugend doch nicht in eine solche Falle geraten lassen. Das wird sie doch nur verwirren. Sie können dann nicht mehr zwischen Scheiße und scheiße unterscheiden. Wo wird das bitte enden? Du sagst deiner Freundin das du sie magst und sie fängt an zu weinen, da sie denkt du machst mit ihr Schluss, verstehst? Das Gegenteilig halt. Unsere ganze Kommunikation gerät doch dadurch ins Wanken. Und dagegen will ich einfach angehen. Verstehst du das?“, frage ich abschließend den Schmock.

„Ja man, ist voll scheiße!“, gibt er nur zurück.

„Wie jetzt? Ist das jetzt nicht gut, was mit unserer Subkultur und unserer Jugend, gar mit unserer kompletten Ausdrucksweise passiert oder findest du den Ansatz den ich angebracht habe gut? Oder findest du gar nichts gut oder schlecht? Ist Scheiße jetzt scheiße oder scheiße?“, ich bin verwirrt.

„Ja, Scheiße ist scheiße.“ gibt er zurück und ich merke schon worauf er hinaus will.

„Ach nerv mich nicht. Wenn du keine Lust hast darüber zu debattieren, dann gut. Ich muss eh mal kurz nach Victoria schauen.“, ich gehe in das Wohnzimmer, wo ich Victim aufgetragen habe an einer, aus der Grundschule um die Ecke geklauten, Schreibtafel tausend Mal zu schreiben Ich bin hübsch, ich bin klug und jeder mag mich!. Sie kommt gut voran, sie ist beim 230. Mal.

„Übrigens Victoria, es wurden drei Ihrer Beutel bestellt.“, sage ich mit anerkennendem Blick.

„Was für Beutel, Herr Elodeon?“

„Na die, die Sie immer so schön gestalten.“

„Aber Herr Elodeon, ich verkaufe diese Beutel doch gar nicht.“

„Sie nicht Victoria, aber ich.“

„Was?“, ich höre leichtes Entsetzen in Ihrer Stimme.

„Ja. Sie schenken mir ja immer ein Exemplar und ich lasse diese vervielfältigen und biete diese auf meiner Seite an und die ersten drei wurden gerade bestellt. Glückwunsch.“

„WAS?“, sie wird um einiges lauter.

„Ja, das ist toll. Habe ich schön Provision dafür bekommen. Ich habe mich wirklich gefreut und bin da auch sehr dankbar, jetzt sehen viel mehr Menschen diese Kunst, eine fantastische Sache. Diese Menschen sind Vorreiter einer großen Sache, die wir beide ins Rollen gebracht haben. Ich bin da sehr stolz, sie doch bestimmt auch.“

„Das dürfen Sie nicht.“, sie wirkt noch leicht geschockt, gar apathisch. Doch soll sich das schnell ändern. „Das ist mein Eigentum. Das ist Diebstahl.“

„Ach was Diebstahl, was sind denn das für Denkansätze, denken Sie globaler, glauben Sie an das große Ganze. Sie müssen aus Ihren veralteten Besitztümerdenkweisen ausbrechen. Sie können doch nun hautnah erleben, wie ich ganz langsam eine kleine Berühmtheit werde. Es zahlt sich doch auch für Sie aus. Ich erlaube ihnen ab dem heutigen Tag, ihrer engsten Familie erzählen zu dürfen, dass ich, Mick Elodeon, mit ihnen Kontakt habe.“, versuche ich Sie zu beruhigen.

„Das ist doch scheiße. Warum ziehen sie so einen Scheiß mit mir ab?“, sie schnappt sich ihre Sachen und begibt sich auf den Weg nach draußen. „Für so eine Scheiße sollte man sie verhaften. Verfluchte Schei…“ Die Tür knallt zu und sie poltert den Flur hinunter. Wenn auch etwas inflationär benutzt, ist die Verwendung dieses Mal an der richtigen Stelle. Ich gehe zurück zur Küche und sage zum Schmock:

„Du hast recht, ich habe das Wort doch sehr häufig genutzt, hier die zweite Strophe.“, ich gebe ihm den Zettel mit den nächsten zwölf Zeilen.

Und ich hau auf den Kot und provozier damit ne Schlägerei
Doch Ausscheidung drauf, das erledige ich so nebenbei
Ah, das ist der Mist für die Hood ey
Die den Dung in sich aufnehm‘ wie durch Bioprodukte

Mein Stuhlgang ist cool man, wie Eskimogeschäfte
Im Rap bin ich der Beste, doch keiner checkt die Exkremente
Die rappende Sitzung
Verlier ich den Faden, muss ich der Nase nach in die rettende Richtung

Die Fäkalien die laufen auch ohne lästige Darmerkrankung
I am the crap – und verpass mir die Krone wie bei ner Zahnbehandlung
Ey, kommt und bestaunt jetzt den Besten
Und die Neider hängen mir an den Hacken wie verdautes Essen

„Ja super. Viel besser!“, leichte Ironie ist aus seinen Worten zu entnehmen.

„Voll der Stuhlgang, wa?“, antworte ich. „Der Text ist doch voll das verdaute Essen! Ich wette jetzt hört jeder meine Exkremente und feiert meine Ausscheidung.“

„Ich glaube jeder hat verstanden, was du damit sagen willst, Mick.“

„Ja aber was hältst du denn von den Fäkalien?“, bohre ich nach.

„Alter ich geh jetzt, du nervst.“ Und er geht wirklich, er packt seine Sachen und begibt sich zur Haustür.

„Aber was ist denn jetzt mit dem Dun…“, die Tür knallt zu. Da nun keiner mehr da ist, bringe ich in Ruhe meine Eierpappen an die Wand und werde mal den Text recorden.

Es grüßt

Mick Elodeon

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