10 – Früher hatten wir ja nüscht

12:30 Uhr

„Nein, das mache ich nicht Herr Elodeon!“, schreit Victoria beinahe.

„Ach jetzt stellen sie sich nicht so an. So schlimm ist das gar nicht Victoria.“

„Für wen halten sie mich denn? Sie können das Telefon weglegen.“

„Ach nun hören sie auf. Sie müssen doch nur ein wenig ihre Stimme verstellen und den Leuten erzählen, was sie hören wollen. Das ist so unglaublich einfach. Immerhin bezahlen die Leute gut dafür.“

„Nein, das ist nichts für mich. Sie kennen mich doch Herr Elodeon, das bin ich nicht.“

„Aber darum geht es doch, sie sollen den Leuten doch nur etwas vorspielen.“ Daraufhin wirft Vitoria das Telefon gegen die Wand und rennt (mal wieder) aus der Wohnung, dabei ruft sie noch:

„Nüscht hatten sie früher wa? Nicht mal Anstand und das bis heute Herr Elodeon!“, verdammt, sie hat heimlich mit dem Schmock die Doku gesehen.


8 Minuten zuvor

Mit dem Kaffee in der Hand gehe ich ruhig in das Wohnzimmer.

Der Vater dreht sich zu seiner Frau, deren Dauerwellenfrisur eine Dauerwellenfrisur zu haben scheint und sagt: „Kannst du dich noch erinnern Inge? Ach man, dit warn noch Zeiten,  wa Inge? Dit warn noch Zeiten.“

„Ja, ja Horst, früher war allet besser!“ Beide lehnen sich in ihrem Sessel zurück und schwelgen jeder für sich in ihren Erinnerungen.

„Jo, früher war allet besser Inge und dat obwohl wir ja nüscht hatten.“, murmelt der Vater noch in seinen Schnauzer. Ein letztes Mal brüllt Sohnemanns Margen auf, so das man denkt, das Nebengebäude wird gerade in einen sich öffnenden Erdspalte gerissen, während der kleine Kevin nach hinten kippt und auf seinem Rücken zur Hälfte im Wohnzimmer und mit dem Oberkörper im Flur liegen bleibt.

Ich stelle die Tasse in aller Ruhe auf den Wohnzimmertisch, gehe zum Fernseher um ihn auszuschalten, löse noch alle Kabel die vom Fernseher wegführen, öffne die Balkontür, schnappe mir den Fernseher und werfe ihn ohne große Anzeichen von Wut und Hysterie auf die Straße, wo er in tausend Teile zerschellt. Anschließend gehe ich wieder hinein, nehme meinen Kaffee und sage zum Schmock: „Ach Mist, mein Fernseher ist ja leider auch hinüber, wird wohl nichts mit der Doku hier schauen.“

„Sturer Ossi! Bist ein wenig gereizt wie es scheint. Dich hätte die Doku aus deiner Vergangenheit doch interessieren müssen.“ Warum schaut er auch diese dämlich Doku mit dem Titel „Früher hatten wir ja nüscht“?

„Ich kann mich nicht mal an früher erinnern und selbst wenn, groß bin ich trotzdem geworden, oder?“, gebe ich noch von mir. „Ach egal, ich muss eh mal zu Victoria rein. Scheinbar macht sie nicht was sie machen soll. Sie sitzt die ganze Zeit nur rum, anstatt zu telefonieren.“ Mit einem Blick auf meinem Laptop sehe ich mittels der Webcam, die ich vor einiger Zeit in meinem Schlafzimmer angebracht habe, dass Victoria die ganze Zeit das Telefon anstarrt ohne es zu bedienen. Ab und zu schaut sie verstohlen nach links und rechts, doch bleibt auf ihrem Klappstuhl an meiner kleinen Kommode, die kurzerhand zu einem Schreibtisch umfunktioniert wurde, sitzen. Dann und wann fällt ihr Blick zu der Uhr über meinem Bett, in der Hoffnung, ihre Schicht sei bald vorbei, aber die verlorene Zeit wird sie hinten ranhängen dürfen. Warum die Cam dort angebracht wurde tut jetzt nichts zur Sache.

„Warum hast du eigentlich eine Webcam in deinem Schlafzimmer?“, fragt mich der Schmock, ich rolle mit den Augen und klappe den Laptop zusammen um in das Schlafzimmer zu gehen, es wird Zeit das sie Geld für mich verdient! Derweilen holt der Schmock sein Tablet hervor, hackt sich in mein WLan und streamt die Doku auf Kinox.to.


24 Minuten zuvor

„Also, wir fangen erst mal mit dem Telefon an. Wenn es klingelt, gehen Sie einfach ran, sagen wie sie heißen“, ich reiche ihr einen Zettel mit einem Namen, „und fragen den Anrufer nach seinem Namen. Machen sie dann ruhig etwas Smalltalk, reden sie übers Wetter zum Beispiel. Verstellen sie ihre Stimme etwas, geben den Anrufer das Gefühl, das er bei ihnen genau an der richtigen Stelle ist. Wenn Sie das alles beachten, dann klappt das schon.“ Erkläre ich mit dem Hörer in der Hand Victoria worum es geht.

„Aber wie soll mir das alles helfen?“, fragt sie mich.

„Das stärkt ihr Selbstbewusstsein ungemein, das habe ich Ihnen doch schon erklärt Victoria. Los jetzt, trauen sie sich einfach.“ Ich höre den Fernseher aus dem Wohnzimmer dröhnen.. „Fangen Sie einfach an, das wird schon.“ Aufmuntern klopfe ich ihr auf die Schulter und reiche ihr den Hörer meines Telefons um in das Wohnzimmer zu stapfen damit der Schmock diese Teufelsmaschine leiser stellt.

„Macht das leiser!“, rufe ich laut um die Stimme des schnauzbärtigen Protagonisten zu übertönen:

„Nüscht hatten wir früher Junge. Wir haben Flaschen jesammelt und zerschmissen, um aus den Scherben kleine Mosaikbilder zu legen, verstehste?“,  quittierte der Vater die Frage nach dem restlichen Schnitzel, auf dem Teller des Vaters, welches Kevin, da sein Teller von Anfang leer war, verzehren wollte.

„Aber wenn ihr nichts hattet Papi, woher hattet ihr die Flaschen?“,  fragte der sechs jährige Junge.

„Hatten wir ja nicht mein Junge, hörst du nicht zu?“, der Vater lehnt sich zu seinem Sohn hin und führt mit weit aufgerissenen Augen und im verschwörerischen Ton fort,  „Wir haben uns nur vorgestellt,  wir hätten Flaschen und haben die nur in unserer Fantasie zerdeppert um uns Fantasiemosaikbilder damit zu legen, verstehste?“

Das Gelaber nervt wirklich. „Nüscht hatten die damals, nüscht, verstehste, nicht mal Ahnung hatten die!“, brubbel ich vor mich hin. Ich halte das nicht aus und gehe in die Küche um mir einen weiteren Kaffee einzuschenken.


13 Minuten vorher

Auf dem Weg zu Victoria höre ich wieder den Fernseher.

„All die anderen Kinder lachen mich immer aus, weil ich die Butterblumen vom Schulhofrand esse, während sie sich ihre Boulettenbrötchen reinpfeiffen.“,  gibt Kevin, der Sohn, seinem Vater zu bedenken, während sein Magen ein Knurren von sich gibt,  welches gut und gerne von dem Knurren eines ausgewachsenen Dackel hätte kommen können.

„Ach wat Junge, jammer nich rum, dir jeht dit doch jut, aber wir mein Junge, wir hatten früher nüscht, nüscht hatten wir.  Nicht mal Freunde hatten wir. Im Winter habe ich mir immer Freunde aus Schnee gebaut und mit ihnen Karten gespielt oder ‚ich sehe was, was du nicht siehst und das ist weiß‘ oder auch Verstecken haben wir gespielt. Und jedes Mal, wenn es wärmer wurde, lagen sie in meinen Armen und sind dahingeschmolzen. Und hab ick jeheult wie n Schlosshund der gerade Zwiebeln geschnitten hat? Ne, denn nicht mal Tränenflüssigkeiten hatten wir Jung…“

Der Schmock schaut kurz vom Fernseher zu mir: „Ok, erkläre mir bitte nochmal, warum du Victoria in dein Schlafzimmer eingesperrt hast.“

„Es ist doch ganz einfach. Mir geht die Kohle aus und da hatte ich wieder eine geniale Idee. Was ist das Einzige, was reichen, erfolgreichen Leuten fehlt.“,  ich ernte ein verständnislosen Blick. „Na Zeit. Das wenigste,  was solche Leute haben ist Zeit. Und ich habe ja nun mehr als genug Zeit.“

„Richtig, du bist ja weder reich noch erfolgreich.“ Mit zusammengekniffenen Augen und durch die Zähne zischend antworte ich.

„Sehr gut erkannt, du der sich Schmock nennt.“,  wir tauschen düstere Blicke aus, fangen uns dann aber gleich wieder.

„Wie heißt du eigentlich?“, bohre ich noch halbherzig nach.

„Aber bitte Papa, ich habe wirklich riesen Hunger.“, fleht nun der Junge den Vater beinahe an.

„Ach Luxusprobleme sind das Junge. Luxusprobleme, verstehst du? Wir hätten uns damals gefreut, hätten wir dein Leben führen können.“

„Bitte Papa!“ Der Magen des Jungen knurrt lauter als das Gebrülle eines ausgewachsenen Grizzlybären.

„Ach wir hatten nüscht Junge. Nicht mal Hunger hatten wir und du gibst hier damit an Jun…“

„Kannst du diesen Mist bitte nicht mal ausmachen?“, frage ich den Schmock. „Das nervt langsam derbe.“, anschließend erkläre ich weiter: „Hör einfach zu Schmock. Ich biete nun also eine Dienstleistung an, der den Schönen und Reichen ermöglicht etwas Zeit für sich zu haben. Sie liefern bei mir ihre Telefone und Laptops ab und verabschieden sich dann für eine gewisse Zeit. Sie werden dann nicht mehr ständig von ihrem Handy genervt, müssen keine ellenlange Emails schrieben, ich nehme ihnen die Last der ständigen Erreichbarkeit und die Angst vor einem unentdeckten Funkloch ab. Ich tue also etwas Gutes.“

„Das erklärt noch immer nicht Victoria in deinem Schlafzimmer und warum bezahlen dich Leute weil du auf ihr Handy und Laptop aufpasst, den können sie doch auch genauso gut zu Hause liegen lassen.“,  antwortet der Schmock daraufhin.

„Solche Menschen müssen nun mal immer erreichbar sein, sie können sich nicht leisten, einfach mal ein paar Stunden Zeit für sich zu haben, sei es weil sie Schlaf nachholen müssen oder weil sie einer Liebschaft nachgehen. Ich verkaufe ihnen einen Klon von sich selbst. Du bist eine erfolgreiche PR-Agentin und bekommst ständig Anrufe von deinen Künstlern, die dir ständig ein Ohr abkauen, weil zum Beispiel im Backstagebereich stilles Leitungswasser von Aldi steht und nicht das Vulkansteingefilterte von weiß ich wem. Also gibt sie uns ihr Handy und Victoria hört sich das an und tut so als sei sie die PR-Agentin. Solche Typen hören doch eh nicht richtig zu und da ist es auch meistens egal was Victim denen sagt, verstehst du?“

„Du nutzt Vici also wieder nur aus?“, fragt er mich mit bekümmerter Miene.

„Wer ist Vici? Seid ihr jetzt Freunde oder wie? Passt du jetzt auf sie auf? Für Victim, oder auch gerne Vici, ist das Therapie. Am Besten erlangt man Selbstvertrauen, wenn man sich hinter einer Maske verstecken kann, wenn man sich als jemand anderes ausgeben kann, wenn man keine größeren Konsequenzen fürchten muss, dann traut man sich, auch wenn es vielleicht nicht auf anhieb klappt. Doch man muss sich halt nicht den Kopf zerbrechen, was der Gegenüber über einen denkt, denn er kennt dich ja nicht, sondern nur deine Fassade.“, muss ich mal wieder erklären. Bin ich der Einzige der weiter als bis zur nächsten Playstation denkt? „Victoria kann den Künstlern an den Kopf werfen, dass er sich nicht so haben soll. Wasser ist Wasser und wenn er sich das nächste Mal wegen solch Kleinigkeiten beschwert, kann er davon ausgehen, dass das nächste Wasser urinsteingefiltert ist. Ihr wird nichts weiter passieren, im Gegenteil, sie wird eventuell merken, wie ihr Gegenüber auf einem Mal Respekt vor ih hat und sich entschuldigen, er wird zurückhaltender sein, sie freundlicher behandeln. Diese Erfahrung, lieber Schmock, kann sie dann auf ihr reales Leben proezieren. Verstehst du nun?“

„Also so wie Cro? Der kann nicht rappen, aber muss er sich ja keine Gedanken machen, gehatet wird der Panda.“ Ich schlage gehatet nach.

„Wer ist Cro?“, frage ich dann. „Ach egal. Victoria kann sich so jedenfalls austesten, kann sehen, dass das alles nicht so schlimm ist. Das ist eine Weiterentwicklung des ‚Selbstvertrauen durch Ironie‘, weißt du? Ich muss jetzt zu Victoria“


20 Minuten vorher

„Willkommen Victoria, wir haben heute Einiges vor. Nach all den theoretischen Stunden kommen wir nun endlich zum praktischen Teil. Ich bin der festen Überzeugung, dass sie nun endlich bereit sind, eine Stufe aufzusteigen.“, erkläre ich Victoria, während ich sie in das Schlafzimmer führe.

„Warum müssen wir dazu in ihr Schlafzimmer, Herr Elodeon?“

„Ich habe da etwas vorbereitet.“, mit einem Schwung stoße ich die Schlafzimmertür auf und offenbare die neue Komandozentrale.

„Was ist das hier?“, fragt Victoria und zeigt auf die kleine Komode an der Wand, worauf sich ein Telefon und ein Laptop befindet.

„Das sind die Utensilien ihrer neuen Übung, das ist ihre Zukunft, das ist der Weg zur neuen Victoria Timoczewski.“ Ich zeige mit ausschweifender Handbewegung auf die Elektronik als es an der Tür klingelt.

„Machen Sie sich schon Mal mit all dem vertraut, aber nichts anfassen, nur gucken.“, sage ich im gehen.

Noch bevor ich die Tür erreichen kann, um diese zu öffnen, steht auch schon der Schmock im Flur.

„Wie kommst du hier rein?“, frage ich.

„Habe eine Kopie von deinem Schlüssel gemacht, als ich deine nicht existierenden Pflanzen gießen sollte, während du wiedermal im Knast warst weil du den Namen von Victoria auf deinen Fahrzeugbrief hast schreiben lassen und sie dann fälschlicherweise angezeigt wurde und…“

„Ja schon gut.“, unterbreche ich ihn, „Was willst du hier?“

„Mein Fernseher ist hinüber und ich wollte auf ZDFinfo die eine Doku sehen, kann ich die bei dir schauen?“ Noch bevor er diesen Satz zu Ende gesprochen hatte, geht er an mir vorbei in die Wohnstube und setzt sich auf die Couch und macht den Fernseher an.

„Ach nüscht hatten wir früher mein Sohn.“ Eingeblendet ist ein Mann. Es muss sich um seine Stimme handeln, die den hageren Jungen zurecht weißt auch wenn man unter dem ewig buschigen Schnauzbart seine Lippen sich nicht hat bewegen sehen.

„Nüscht hatten wir, hörst du? Wir mussten uns früher die Haare langwachsen lassen, haben diese Monate nicht gewaschen, bis sie steif vor Dreck waren um sie dann vorsichtig direkt an der Kopfhaut abzubrechen. Und weißt du warum wir das gemacht haben? Na? Weißt du es Junge? Nein? Wir haben das gemacht um mit den Haaren dann Mikado zu spielen! Wir hatten ja sonst nüscht“, sagt der Vater zu seinem Sohn der nach etwas Geld für das Mittagessen in seiner Grundschule fragte.

„Warum habt ihr nicht einfach Stöcker dafür genommen?“, fragt der Sohn mit knurrendem Magen, welches sich wie das Schnurren einer Katze anhört, zurück.

„Wir hatten och kene Bäume dama…“

Ich gehe in die Küche und mach erst mal einen Kaffee bevor ich gleich wieder zu Victoria gehe um ihr alles Nähere zum neuen Kurs erkläre, das ist mir zu früh für all die Hektik. Früher war alles easy, früher konnte ich den ganzen Tag chillen, dabei hat dieser Tag noch gar nicht richtig angefangen und schon stresst mich das alles. Ich habe heute noch Einiges mit Victoria vor. Aber früher gab es keinen Schmock der täglich hier rumlungert, keine Victoria Timoczewski der ich ständig erklären muss wie das Leben funktioniert, kein Commik, dem ich ständig die Texte schreiben muss. Nüscht hatte ick fürher, aber ob es besser war? Keine Ahnung.

Es grüßt

Mick Elodeon

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