09 – Schön Scheiße

Bevor bei mir ein Tag startet, gehe ich in die Küche und veredel kochendes Wasser mit zerkleinerten Kaffeebohnen, wie auch heute. Ich bin also auf dem Weg zur Küche, auf einem Auge noch blind und mit dem anderen erkenne ich nur Umrisse, als auf ein Mal BAMMM meine Eingangstür aus den Angeln gesprengt wird. Mit einem ohrenbetäubenden Knall fliegt diese auf, nur am oberen Scharnier noch befestigt, sehe ich kleine Holzsplitter wie Minipfeile durch den Flur segeln und in der Wand hinter mir einschlagen. Einer dieser tödlichen Geschosse reißt ein Loch in mein T-Shirt und verfehlt meinen Nieren um Millimeter. Da, wo einst meine Tür mich von der Außenwelt erfolgreich abschirmte, steht nun der Schmock schwer atmend. Ich schaue zu ramponierten Tür und dann zum Schmock, wieder zur Tür dann zum Schmock. Nochmal zur Tür dann … nein weiter zur Tür dann blicke ich Schmock an, der seine Haltung immer noch beibehalten hat und breitbeinig tief atmend im Rahmen steht.

„Alter!“, sage ich und schaue wieder zur Tür und dann wieder zum Schmock. „Das war meine Tür.“

Kein Ton. Der kleine Mann muss erstmal zu Atem kommen und so gehe ich in die Küche um Kaffee aufzusetzen. In einer „HipHop rocks!“-beschrifteten Tasse komme ich zurück in den Flur und schaue zur Tür, immer noch hängt sie traurig, sich an dem oberen Schanier klammernt einfach da. Klar, es sind Holzsplitter auf dem Fußboden, doch für mich sehen sie eher aus wie kleine Tränen, Türtränen aus und die Tür hat in dieser kurzen Zeit viel geweint.

„Du bist 1,50 Meter groß, wie konntest du meine Tür eintreten?“, frage ich ihn.

„Adrenalin!“, antwortet er.

„Was?“

„Naja, eigentlich Epinephrin. Ich experimentiere gerade etwas rum“, antwortet der Schmock.

„WAS? Kannst du nicht wie jeder andere Otto Normalhiphopper einfach nur kiffen?“, frage ich ihn, blicke dann noch mal zu meiner Tür. Was für ein trauriges Schauspiel, ich gehe zurück in die Wohnstube und setzte mich auf die Couch, die Tür zum Wohnzimmer lasse ich offen, einen weiteren Verlust ertrage ich heute nicht. Kurze Zeit später kommt der Schmock nach und schreit:

„Mick, einer hat deinen Text geklaut und einen Track draus gemacht! Ich habe es eben gesehen, ich meine gehört, na ja doch gesehen, auf Soundcloud und dann habe ich ihn gehört und bin gleich her um es dir zu sagen. Verstehst du das? Gerade war ich noch zu Hause und dann bin ich hergerannt.“

„Du bist hergerannt? Du wohnst doch mindestens zwölf Kilometer entfernt.“ Jetzt erst sehe ich, dass seine schwarzen Pupillen so sehr erweitert sind, dass sie beinahe das Weiße verdrängt haben.

„Ja man. War gar nicht so weit. Wie spät ist es? Ah puh, nur 50 Minuten gebraucht, kam mir schneller vor.“ Wenn er in dem Tempo gerannt ist, wie er gerade redet, hat er einen Umweg genommen, sich zwischendurch in einen Starbucks gesetzt, 2 – 3 Kaffee getrunken und hat anschließend noch Zeit gehabt, ein halbes Duzend Omas über die Straße zu geleiten. Was ich sagen will, er redet verdammt schnell. „Aber Alter dein Text, du wurdest gebitet[->] man.

„Und deswegen trittst du meine Tür ein?“, frage ich ihn unbeeindruckt.

„ALTER DEIN TEXT! DU WURDEST GEBITET![->]„, er beginnt wieder schwer zu atmen und starrt mich weiter mit aufgerissenen Augen an und dabei rennt er im Zimmer auf und ab.

„Was wurde ich?“, frage ich ihn, „Niemand hat mich gebissen oder Ähnliches, komm mal langsam wieder runter.“

„Gebitet[->]! Verdammt Mick, stell dich nicht so an! Ernsthaft, ich erstelle für dich mal ein Rap-Wörterbuch, ich mache das am Besten gleich, dann sprechen wir wenigstens eine Sprache.“ Er tippt kurz was in sein Handy. „So fertig, ist auf deinem Blog hinterlegt.“

Ich frage ihn gar nicht erst, wie er Zugriff auf meinen Blog erlangen konnte und schlage das Wort kurz nach. Ah ok.

„Dein Text Schon Scheiße wurde von einem namens Commik verwendet. Nahezu identisch. Er hat noch ein wenig hinzugefügt, aber die Idee und der Anfang ist von dir! Wie krass, oder. Du musst was machen, das geht doch so nicht. Der hat sicher deinen Blog gelesen und einfach alles eingerappt.“, erschöpft lässt er sich auf meinen Sessel fallen, der ganz Körper fällt in sich zusammen, wie ein Schlauchboot dessen Luft abgelassen wird, doch zack, steht er gleich wieder auf und rennt weiter rum. Der Schmock … verdammt ich wollte doch seinen Namen noch wissen.

„Wie heißt du eigentlich, Schmock?“, frage ich ihn.

„Was? Hörst du wieder nicht zu? Das war Diebstahl geistigen Eigentums, deines Eigentums!“ Er sackt wieder zusammen und springt gleich wieder auf, scheint eine neue Art von Sekundenschlaf darzustellen, Millisekundenschlaf. „Ich habe den Track mal mitgebracht, hör es dir an!“

„Klingt doch gut. OK die Hook ist scheiße aber das habe ich ihm schon gesagt.“, sage ich.

„Wie du hast es ihm schon gesagt? Du wusstest davon? Du hast ihn doch dafür verklagt, oder? Ordentlich gedisst[->]hast du ihn, oder?“, bohrt Schmock weiter nach, sackt zusammen und steht gleich wieder auf.

Ich schlage wieder mal kurz nach, um zu erfahren, was dissen[->] heißt. Der Schmock ist echt fix. Er hat an meinem Gesicht erkannt, dass ich keine Ahnung habe und hat den Eintrag schneller erfasst, als ich nachschlagen kann. Ich will auch dieses Epidingsda.

„Ne, ich habe ihn nicht beleidigt. Du hörst doch auf dem Track zum Schluss den Anruf? Das war ich. Hat man jetzt vielleicht nicht ganz verstanden, wegen der Verzerrung auf Grund des Telefons, aber das war ich.“, sage ich ihm stolz.

„Mach kein Scheiß Mick. Ich versteh das Ganze nicht.“ Er sackt wieder auf der Couch zusammen und steht wieder auf, um sich dann auf den Boden zu werfen und Liegestütze zu machen … und das nur mit den Zeigefingern.

„Also pass auf. Commik hatte mich angeschrieben, nach dem er meinen Blog gelesen hatte und einfach gefragt, ob ich den Text „Schon Scheiße“ vervollständigen könnte und ihm diesen dann zur Verfügung stellen würde. Ich habe eingewilligt und nun ist mein erster Text auch mal vertont worden. Ist doch cool, oder? Eventuell will er weitere Texte von mir.“, versuche ich mit ruhiger Stimmer dem Schmock zu erklären, obwohl ich doch etwas aufgeregt und … na ja, schon mit geschwellter Brust dasitze.

„Du bist der Ghostwriter[->] von Commik?“, komisch wie der Schmock diese Worte verständlich äußern kann, obwohl sein Mund vor Staunen weit geöffnet ist und er auch scheinbar nicht der Lage ist, seinen Unterkiefer bewegen zu können.

„Was auch immer ein Ghostwriter[->] ist.“, antworte ich nun schon leicht genervt und beginne wieder den Wettkampf mit dem Schmock aufzunehmen. Wie verrückt tippe ich in meinem Handy auf die entsprechenden Buttons, um das Rap-Wörterbuch zu öffnen. Ach verdammt, wie macht er das? Ich lasse die Seite von meinem Blog nun geöffnet um gewappnet zu sein.

„Und du hast ihn dann angerufen und auch noch gesagt, dass er zu oft scheiße sagt?“, immer noch keine Regung seines Unterkiefers.

„Klar Schmiggidischmog, fand ich lustig.“

„Er anscheinend ja auch. Du hättest ja wenigstens deine Stimme verstellen können, ist jetzt nicht gerade die angenehmste.“ Scheinbar lässt die Starre nach und der Schmock flitzt wieder umher.

„Ach, sei ruhig. Was ist jetzt mit meiner Tür?“, frage ich ihn, als er plötzlich mitten beim Laufen wieder zusammensackt und dabei gegen die Wand knallt. Der Schmock landet rücklinks auf dem Boden und bleibt regungslos liegen. Etwas Speichel läuft aus dem Mundwinkel raus und tropft auf den Boden, ansonsten atmet er gleichmäßig und beginnt schließlich leicht zu schnarchen. Ich lasse ihn einfach liegen und gehe auf den Balkon um ein zu rauchen, Ich hätte nicht anfangen sollen. Für das neue Jahr habe ich mir vorgenommen mit dem Rauchen weiter zu machen. Da ich es nie schaffe meine Vorsätze einzuhalten, hoffe ich so, gesünder zu leben.

36 Stunden später.

Schmock wacht auf, als ich ihm mit der rechten Hand eine Backpfeife verpasse und sieht als erstes mein Gesicht vor seinem, da ich mich auf ihn gesetzt habe. In der rechten Hand halte ich eine Spritze.

„Du reparierst jetzt meine Tür und zwar zackig!“, mein Blick ist starr auf ihn gerichtet. Die Nachricht ist klar, ich werde keine andere Antwort zulassen, außer eine positive. Kalt, voller Zorn ist meine Nasenspitze genau zwei Zentimeter von seiner entfernt. „Ich habe mir extra etwas Epinephrin für dich besorgt, das magst du doch so.“ Sein Blick wandert langsam zu meiner rechten Hand und sieht dann mit aufgerissenen Augen, wie ich mit voller Wucht die Spritze in seinen linken Arm ramme und sie bis auf den letzten Tropfen entleere. Sofort verdrängt das Schwarze seiner Pupillen auch das Weiße seiner Augäpfel und der Schmock springt auf und rennt los.

32 Minuten später.

Ich habe eine neue Eingangstür. Ganz neu geschreinert. Ich wusste gar nicht, dass er so etwas kann. Die Eiche dazu, hat er in einem zwei Kilometer entfernten Park gefällt und auf Länge gesägt. Während ich die neue Tür bewundere, liegt Schmocki wieder im Flur, wo er einfach umgekippt ist, gerade, als er die Tür eingehangen hatte.

Kleine Anmerkung noch. Es handelte sich bei der verabreichten Injektion um eine Kochsalzlösung, ein Placebo. Glaubt die Versuchsperson/Patient fest genug daran, kann auch der Körper die entsprechenden Symptome aufweisen.

Es grüßt

Mick Elodeon

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