07 – Nerd ist ihr Hobby

Ich bin müde vom Schreiben des Textes und beschließe eine Pause einzulegen. Dann und wann gehe ich in das Bürohaus auf der anderen Straßenseite, denn dort sitzt eine von diesen Startup Internetfirmen. Nun ist es so, dass diese neuen Firmen scheinbar ihren Mitarbeiter ein Gefühl der Wertschätzung suggerieren wollen und bestücken daher die Pausenräume mit den neuesten und coolsten Geräten. Ein Tischfußball soll von der Eintönigkeit der Arbeit ablenken, ein Billardtisch die Aggressionen gegenüber den Arbeitskollegen abbauen und dann gibt es da diese Kaffeemaschine, wobei Kaffeemaschine ein Schimpfwort wäre. Dieses in schwarzem Plastik gehüllte Glück produziert rehbraunes Gold. Diese einzig wahre Erfindung des Menschen versetzt die Geschmacksnerven in eine Art Ausnahmezustand in der auf der Zunge eine Euphorie entsteht, in der man sein komplettes Umfeld ausschaltet und sich in seinem Utopia für einige wunderschöne Sekunden vom Stress der realen Welt erholen kann. Für alle unter 20 Jahren: es ist wie World of Warcraft zocken, nur das die Zunge den Controller hält und damit permanent mit Cheats um sich wirft und dein Charakter für einen kurzen Moment Level 99 erreicht. Und genau dieser Moment zwingt mich dazu, hin und wieder mein einziges Hemd, meine einzige Stoffhose und die schwarzen Lederschuhe, die ich von meinem Vater geliehen bekommen habe anzuziehen. Ich zerzause etwas meine Haare, setzte die Brille etwas schief und versuche besonders nerdig auszusehen. Anschließend mache ich mich auf den Weg in des Kapitalisten Höhle.

Alfred am Empfang ist 64 Jahre alt und wir haben eine Art Geschäftsbeziehung. Er lässt mich einfach passieren und ich bringe ihm zum Dank immer eine Tasse Glückseligkeit mit. Wie so oft, gehe ich an ihm vorbei, nicke ihm stumm zu und begebe mich zu einem etwas abgelegenen Treppenhaus. Ich muss rauf in die zweite Etage und versuche mich vom gemeinen Nerd fern zu halten. Der hiesige Nerd teilt nämlich das in seinem Territorium befindlich Futter nicht all zu gern mit anderen und schon gar nicht lässt er artfremde Besucher an dessen Wasserloch trinken. So schleiche ich mich nun in die zweite Etage, fahre mir mit den Händen noch mal durchs Haar, versetze mir eine Backpfeife, damit die Brille auch auf natürlichem Weg verrutscht und gehe durch die Tür, da wir ja noch im Treppenaufgang stecken und nun hinein ins Deppenauffangbecken (wer hat den Rhyme bemerkt?) müssen.
Ich habe Glück und die Küche ist leer. Ich nehme mir also zwei Tassen aus dem Schrank und stelle eine entsprechend an die Kaffeemaschine, wählen für mich Wiener Melange und schaue dem Schauspiel zu als dann doch ein Nerd den Raum betritt. Er beschnuppert mich und schleicht scheu um mich herum. Eine hastige Bewegung und es rennt davon und warnt die anderen. So recht weiß das Männchen (vermute ich mal, da es von dieser Spezies nur sehr wenige Weibchen gibt und diese sich auch noch fabelhaft dieser grauen Stadt äußerlich angepasst haben, man spricht auch liebevoll vom grauen Mäuschen) mich nicht einzuordnen, so dass ich die Flucht nach vorne versuche.

„Äh, voll spacie der Kevin heute drauf, ne?“, verflucht, ich muss mich besser auf solche Situationen vorbereiten und die Sprache dieser Art lernen, total unprofessionell.

„Wat? Wer isn Kevin?“, gibt der misstrauische Nerd zurück. Schon erkenne ich auch mein Defizit, dieser Dialekt ist mir vollkommen unbekannt. Die Nerdsprache scheint komplizierter als gedacht.

„Na er war nur kurz afk, hatte noch nicht ganz den Raum geleaved, da lol-ten alle Member wegen seinem like zu dem Post auf Twitter. Gerade noch auf der Cloud 7 und schon crasht sein Server down. Ich glaube der rebootet erstmal seinen Status und ist dann wieder ready to Rock, zwinker zwinker.“ Das wird ihn überzeugt haben.

„Alta, wat soll dat Gelaber, jibt glei ne Schelle. Nimm den Kaffee und mach dasde Land jewinnst. Wat nur los mit der Jujend? Und nu ab jetzte, ick muss die Küche wischen ansonsten is dit letzte wat du heute siehst dit Ende von meim Wischmop, Bübchen.“, gibt dieses Exemplar lautstark zurück, „Wieso hab ick mir nur überreden lassen in dem Schuppen zu putzen, lauta komische Flitzpiepen hier. Hätt ick ma lieber weiter Pommes uffn Kotti verkoft.“, brummelt unser Männchen abwenden noch vor sich hin. Ich habe von alle dem kein Wort verstanden, Nerdsprache halt. Da aber mittlerweile auch die Tasse mit dem Latte Macchiato für Alfred fertig ist, verdrücke ich mich schnell, mache zum Abschied noch den Vulkaniergruß, der mit dem winken einer Faust entsprechend, denke ich mal, beantwortet wird und bin weg. Das war heute echt knapp. Man sollte diese Nerds nicht unterschätzen.

Als ich das Bürogebäude der Firma Sunlight Games AG verlasse, sehe ich auf der anderen Straßenseite direkt vor meiner Haustür Victoria Timoczewksi hin und her laufen. Wir haben für heute keinen Termin und so schleiche ich rückwärts wieder in die Empfangshalle der Sunlight AG wo ich prompt auch dem Nerd aus der Kaffeeküche in die Arme zu laufen drohe. Ich rufe noch laut „YOLO!!!“ aus, als mir sofort dieser fatale Fehler bewusst wird, denn „Yolo“ ist Hipstersprache. Wer soll sich das auch alles merken. Mein Gegenüber scheint dies ebenfalls bemerkt zu haben und stapfte mit hochrotem Kopf direkt auf mich zu.

„Yolo?! Ick yolo dir glei so ene, dass de dir wünschst deine Mutter hätte kurz nach dem Verkehr mit deim Vadder uffn Klo ordentlich jehustet, meen Freund!“, ruft er mir noch zu und wieder verstehe ich diese Nerds nicht. Zwickmühle: Entweder unser wild gewordenes Männchen nimmt mich in die Mangel, denn nur so kann man die immer schneller werdenden stampfende Schritte, die auf mich zukommen deuten oder ich gebe mich Victim hin und höre mir wieder die endlosen selbstbemitleidenden Monologe an. Ihr denkt euch, die Entscheidung ist leicht, doch bis dato habe ich ja nur den Teil der Sitzungen euch preisgegeben, in denen ich erzähle. Ihr wisst noch nicht wie schmerzhaft das Gerede von Victim ist.

Ich entscheide mich für die Tracht prügel und damit es sich lohnt rufe ich: „Hey Fashionvictim, gabs zum Mittag heute Swaghetti Yolonese? Können uns auch gerne auf n Club Mate irgendwo im P-Berg treffen, oder n Soja-Latte Macchiato mit Ahornsirup und grünen Teeexzrakten ausn Bioladen, vegan natürlich. Wo ist denn dein Jutebeu…?“ und klatsch, ich habe dermaßen eine eingeschenkt bekommen, dass ich die zwanzig Meter, die ich von der Drehtür entfernt war ohne Bodenkontakt bewältigte. Dieses Exemplar eines ausgewachsenen Nerds hat so zielgerichtet zugeschlagen, dass ich auch in der Drehtür den Bodenkontakt vermeide, mich 5 mal mit der Tür drehe und dann rausgeschleudert werde. Ihr könnt euch denken, der Lautstärke des Aufpralls geschuldet, entdeckt mich Victim und kommt auch umgehend zur Hilfe geeilt.

„Mensch Herr Eldodeon, wasn passiert?“

„Kommunikationsprobleme.“ erwiedere ich und setzte mich auf. „Und was machen Sie hier?“

„Ach ich war nur in der Gegend, hatte etwas Zeit und wollte spazieren gehen. Mir ist gar nicht aufgefallen, dass ich zu Ihnen gelaufen bin.“

„Na klar.“ denke ich  da noch und sehe auf Ihren Jutebeutel und erkenne dort das Gesicht einer alten, heruntergekommenen Frau, die jedoch auf den Kopf steht.

„Warum steht das Bild auf ihrem Jutebeutel auf den Kopf?“, frage ich ohne groß drüber nachzudenken.

„Wissen Sie Herr Elodeon, manchmal, wenn die Straßen wieder so voll und so viele Menschen um mich rum sind, nehme ich den Jutebeutel und ziehe mir den übern Kopf. So sieht mich keiner und ich sehe auch niemanden, bis ich wieder die Kraft habe meinen Weg fortzusetzen.“ Ich schaue sie mit offen stehenden Mund an und kann das eben gehörte kaum glauben. In Berlin beachtet dich tatsächlich niemand, wenn du mit einem Beutel übern Kopf dastehst, ist halt wieder irgendein Trend, vor allem wenn ein Gesicht auf dem Beutel zu sehen ist. Vielmehr schockt mich, dass es so schlimm um Victoria steht. Nun entdecke ich auch den Schriftzug „Inkogni-togo“, die Tarnkappe zum mitnehmen quasi.

„Habe ich selbst gemacht.“ Fügt sie noch hinzu. Wortwitz besitzt sie auf jeden Fall, sie sollte die Beutel einfach mal verkaufen, bräuchte sie das Haus auch nicht mehr verlassen.

„In einer Bank sollten sie die aber lieber  nicht tragen.“, sage ich, „Wollen Sie auf einen Kaffee mit hoch kommen, Victoria?“ frage ich sie, denn irgendwas in mir hegt den Wunsch ihr heute vielleicht mal eine kostenlose Sitzung zu offerieren und ihr einfach mal zuzuhören.

„Gerne.“ sagt sie, mit einem Lächeln. Ich glaube ich habe sie noch nie lächeln gesehen, ein schönes Gefühl. Irgendwie glaube ich auch zum erstem Mal, dass ich ihr wirklich helfen kann und sie mich braucht. Ich beschreibe ihr kurz noch den Weg zum Kaffeeautomaten und gebe ihr den gut gemeinten Tipp keine Wörter wie Yolo oder Swag zu benutzen um dann schon vor in meine Wohnung zu gehen. 45 Minuten später kam sie nach, es gab wohl Schwierigkeiten, doch wenn auch abgekämpft, erschien Sie mit dem Wiener Melange. Sehr gut. Und nun reden wir.

Es grüßt

Mick Elodeon

Print Friendly

Zur Zeit keine Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Follow

Get every new post on this blog delivered to your Inbox.

Join other followers: