06 – Gangsters Paradise in Friedrichshain Teil 1

Glatt gestriegelt – verdammt seh ich heut scharf aus
Sagt der Spiegel – gestrafft ist dieser Stahlbauch
War’s ne Lüge? – Nein, setz dir mal dein Glas auf
Krasse Type! – Sag nem Homie, das ich zu der Bar lauf

Schnapp dir diese – Frau, sie wartet schon den ganzen Tag drauf
Das ist Liebe – ich tätowier‘ mir ihren Nam‘ auf
Allen vieren – denn geil sieht es auf dem Arsch aus
Was verlieren? – Wo ist die Würde, wenn ich sie mal grad brauch?

Alles fliegt wenn – ich wieder mal mein Gras rauch
Apfelsine – reimt sich auch noch da drauf

Ihr seht, ich schreibe wirklich. Soweit läuft das auch, doch muss das alles noch digitalisiert werden. Klar, ich habe nun ein cooles Studio in meiner 2 Quadratemter großen Abstellkammer, tja und irgendwie muss das alles auf den Computer und dann auch noch abgemsicht werden. Dazu gehört einiges mehr, also nur einfach mal einen Text schreiben. Es müssen Doppels, Addlips eingerappt, S-Laute leiser gemacht und alles gemastert werden. Alles alleine machen, geht nicht … macht auch keinen Spaß. Ich brauche eine Crew und in Berlin sollte das ja wohl kein Problem darstellen.

Ich mache mich also auf den Weg zu einem bekannten HipHop-Club und sehe auf dem Flyer an der Tür den Namen für die heutige Veranstaltung „Gangsters Paradise in Friedrichshain“, das macht Mut.
Während ich so warte, um endlich eingelassen zu werden, werde ich auch prompt angesprochen.

„Ey, ick kenn‘ dir doch. Du bist doch dieser Mick Elodeon, ick lese deinen Blog.“ Brüllt mich ein kleiner Zwerg mit tight ass Jeans, eine von denen, die man im Vice Mag sieht (Casper – Rock ’n‘ Roll Feat. Marteria) an, mit Haaren, die das halbe Gesicht verdecken und piratenmäßig ein Auge verschwinden lassen sowie einem Jutebeutel um die Schulter. Verdammt ein HipsterHoper, wo sind nur die Gangster? Früher hätten die Gees ihm seine enge Hose über die Ohren gezogen, ihn kopfüber in die Toilette gesteckt, so das auf Grund seiner Haarlänge das komplette Abflusssystem aller drei Dancefloors des Clubs verstopft wäre und er hätte sich nicht mal beschwert, weil er wusste, dass er hier falsch war … egal, das war früher.

„Echt du kannst lesen?“ Frage ich ihn.

„Wat?“

„Ach nichts, freut mich das es dir gefällt. Woher weißt du das ich Mick bin?“ Ich denke, da die ganzen Haare auch die Ohren bedecken, ist das nicht nur mit dem Sehen eine Herausforderung für ihn auch mit dem Hören. Ich muss mir unbedingt über meine Zielgruppe Gedanken machen.

„Na, du hast doch lauter Bilder von dir auf deinem Blog.“, stimmt wohl, „Wie geht’s denn eigentlich Victoria? Ist sie auch hier? Hat se immer noch so krass Depression? „

„Keine Ahnung, die Geschichten sind Fiktion.“ Lüge ich und ernte Gekicher. „Was ist?“, frage ich genervt.

„Hihi Fick-tion! Nagelst die Kleine?“ Ich kann’s kaum glauben, mich zieht es gerade wieder ganz stark nach Hause.

„Spaß bei Seite. ECHT, die jibs jar nich? Wer malt denn dann die Beutel für deinen Shop?“

„Das machen kleine, asiatische Kinder für 10 Cent am Tag in einem kleinen Schuppen auf einem Hinterhof einer amerikanischen kapitalistischen Firma. Mit nur einem Fingerhut voll lauwarmes Wasser am Tag für fünf Cent und einer 2 Wochen alten Salzstange für ebenfalls fünf Cent. Wer dort arbeitet, muss aus Sicherheitsgründen auch die Nahrung erwerben und einnehmen, nicht dass da jemand in den 14 Stundenschichten vom Fleisch fällt.“ Sage ich gelangweilt.

„ECHT?“

„Echt.“

„Krass.“

„Jap.“ Was für ein Gespräch. Stille. Da wir aber noch warten und der Zwerg das mit der Stille scheinbar nicht ertragen kann, will er unseren kleinen Smalltalk fortführen.

„Wollen wa’n Foto von uns machen? Kannst dann für deinen Blog verwenden.“, fragt er mich.

„Ne, wollen wir nicht.“, entgegne ich etwas angewidert. Wie jedoch zu sehen, wurde ein Foto geschossen, den Dialog dazu möchte ich euch ersparen, das waren 37 Minuten „Ja“ – „Nein“ – „Komm schon“ – „leck mich“ – Diskussionen.

„Cool, ich schicke dir dann das Foto … ich werde den Hintergrund etwas bearbeiten, so Comic-Style, so dass es aussieht, als wären nur wir echt, befinden uns aber in einer nicht-realen, in einer gezeichneten Welt, OK? Ich kann nämlich auch mit Photoshop. Veröffentliche die Bilder dann auf Facebook, heißt ART-ick. Verstehst? Wortspiel! Voll cool und individuell, wa? Habe schon 1202 Freunde, kenne aber keinen davon. Hast du Facebook, wollen wir Freunde sein? Nein? OK.“

Wieder Stille. Ich weiß einfach nicht was ich dazu sagen soll.

„Das Gangsterzeug hier ist ja eigentlich nicht so meins.“ fügt er noch hinzu, wir kommen immer noch nicht rein, ich werde latent aggressiv.

„Was machst du dann hier?“, frage ich ihn.

„Ich schreib auch n Blog.“, gibt er mit geschwellter Brust bekannt.

„War klar, macht ja jeder heutzutage.“, ich glaube ich gehe nach Hause, scheiß Hiphop.

„Über die Berliner Rapszene. Fange aber auch gerade erst an.“, führt er ungefragt fort, „Die Seite heißt: http://blog.hiphop.de/derschmockausdemblockweisswoesrockt/“ (Der Schmock aus dem Block weiß wo es rockt!)

„Schon ziemlich lang der Name und grammatikalisch jetzt nicht bis zu Ende gedacht, oder?“ Ich setze mir den Rucksack auf und mache mich langsam bereit zu gehen.

„Ist egal, Hauptsache reimt sich, iss so im Bizz.“

„Aha, iss so im Bizz! Und wieso kommst aus dem Block?“, frage ich noch.

„Na, zeigt meine Streetcredibility.“ Ok, ich dreh mich um und will los, ich lasse das mit der Crew. Doch in diesem Moment werden die Pforten geöffnet und ich werde mit den Massen in den Untergrund gezogen. Den Zwerg höre ich noch rufen:

„Vorsicht, tretet nicht alle auf mir rum. Lasst mich durch, ich schreibe einen Blog. HILFE! So viele Füße! Wenn ich sterbe, dann hinterlasst auf meinen Blog einen Nachruf für mich. DIE ADRESSE AUA LAUTET…“ Er kam nur bis Schmock, danach verstummte er. Kollateralschaden, iss so im Bizz. Vielleicht hinterlasse ich morgen dort einen Kommentar „Der Schmock hat’s verbockt!“, Hauptsache reimt sich. Mal schauen.

Nachdem ich endlich den Eintritt bezahlt habe, mich bis auf die Unterwäsche ausziehen musste und auf Waffen und Drogen gefilzt wurde, gab es ein weiteres Problem. Da die Türsteher weder Drogen noch Waffen bei mir finden, werden sie mißtrauisch und ich muss in ein kleines, dunkles und zugemülltes Zimmer/Abstellkammer. Dort werde ich von einem Stiernacken, dessen Stiernacken einen Stiernacken hat gezwungen mich komplett zu entkleiden und vornübergebeugt werde ich wiederholt auf Waffen und Drogen durchsucht. Da auch dies erfolglos ist, schaute mich Stiernacken ungläubig an und fängt lauthals an zu lachen. Solch ein Fall scheint nicht oft vor zukommen. Jetzt wünscht man sich eine rektale Amnesie. Ich lasse das jedoch nicht auf mir sitzen. Ich hole einen Jutebeutel aus meiner Hosentasche, den ich von Victoria geschenkt bekommen habe und ziehe dem Nacken diesen über den Schädel. Dieser ist so verwirrt, dass er zwei Schritte nach hinten stolpert, dabei in einen Eimer auf Rädern der Reinigungskräfte tritt und rücklinks nach hinten fällt. Beim Aufschlag auf den Boden vibiriert der ganze Raum, so dass vom obersten Regal an der Wand, gegen die ‚Nacken‘ geknallt ist, ein Werkzeugkoffer des Hausmeisters sich auf dem Weg nach unten macht, im Flug aufgeht und einzelne Schraubenzieher, ein Hammer, verschiede Maulschlüssel rausfallen und sich scheinbar zum Angriff formieren. Alles geschieht in Zeitlupe. Die Schraubenzieher haben Stiernackens Arme ins Visier genommen, doch prallem im ersten Moment noch von den Muskeln ab und landen geschlagen auf dem Boden. Die Maulschlüssel, auf dem Weg Richtung Beine richten sich windschnittig aus, um Maximalgeschwindigkeit zu erreichen, doch um den Preis der Genauigkeit. So verirren sich einige und landen neben den Schraubenzieher. Doch einer, der Mutigste der Maulschlüssel visiert sein Ziel eiskalt an und stürmt auf ‚Nackens‘ Kronjuwelen zu. Wenige Augenblicke bis zum Aufprall. Selbst die Zeitlupe schaltet in Zeitlupenmodus und dann … klack. Nichts passiert. Der Treffer müsste gesessen haben, die Ausrichtung war die Richtige. Dann fällt der Groschen, auf Grund von Missbrauch steroider Mittel, wurde diese Schwachstelle gezielt eliminiert. Der Nacken hatte keinen Pillemann mehr. Als alle Hoffnung verloren scheint, das Werkzeug sich zurückziehen will, sehen wir in der Luft den Hammer, wie konnte dieser nur in Vergessenheit geraten? Mit einer Wucht, die selbst ein göttlicher Thor hätte nicht in einen Hammer legen können, knallt dieser auf den Schädel des Nacken und streckt in zu Boden. Kurze Stille, dann Aufschrei, Jubel der Geknechteten, Stiernacken war erlegt. Zufrieden nicke ich dem Werkzeug, meine Armee, zu und verlasse den Raum. Den Beutel kann er behalten. Folgendes war aufgedruckt:

„Wer von der Retourkutsche nicht überrollt werden will, sollte die Pferde nicht scheu machen“

Es grüßt

Mick Elodeon

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