05 – Die Theorie der Ironie

Welch Ironie, da will ich heute ein Seminar zur Stärkung des Selbstvertrauens durch Ironie halten und dann stehe ich vor meinem Spiegelbild und bin von dessen Blick direkt eingeschüchtert. Ich bin kurz davor zu fragen, ob ich etwas für ihn, also für mich, tun kann. Ich senke meinen Kopf um seinen, also meinen, Blicken auszuweichen und entschuldige mich bei ihm, also bei mir, für meine Aufdringlichkeit. Noch bevor er, also ich, darauf antworten kann, verziehe ich mich wieder in mein, also sein, Bett und versuche zu schlafen.

Wenn er, also ich, mich so einschüchtern kann, müsste ich, da ich ja er, es auch können, bzw. dieses Selbstvertrauen das er, also ich, ausstrahlt müsste ich auf ihn, da er ich ebenfalls ausstrahlen. Warum knicke ich dann aber ein, wenn er mich, obwohl ich er, einfach nur anschaut? Ich, also er, müsste dem locker standhalten, da ich, also er, ihm, also mir, ebenbürtig ist. Belüge ich mich, also er sich, bzw. ich ihn oder er mich? Jetzt bin ich sauer auf ihn, auch etwas verwirrt, aber sauer auf ihn, wegen dem rumgelüge, aber quasi er ja auch auf mich. Und schon habe ich ein schlechtes Gewissen, stehe auf, gehe zum Spiegel um mich bei ihm, also bei mir zu entschuldigen. Dabei hat er angefangen.Verrückt. Sich selbst belügen, ist das Ernsthaft möglich? Ich lache laut auf, schaue in den Spiegel und sage verächtlich: „Verdammt, bist du hässlich!“, also ja es geht, man kann sich belügen! Ich gehe wieder schlafen.

3 Stunden und 34 Minuten später

Schweißgebadet wache ich auf. Wer bin ich eigentlich? Zeigt mein Spiegel wirklich mich? Wie oft haben Leute ein falsches Bild von sich. Wer im Allgemeinen wunderschön ist, sieht sich selbst meist mit einigen Mankos behaftet. Jetzt könnte man nach der Definition von Schönheit fragen, lassen wir jetzt aber mal aus, sonst nimmt der Text nie ein Ende.
Ganz nüchtern gefragt, sehen wir, was wir sehen wollen? Oder sehen wir uns, je nach Gefühlslage? War mein heutiges Spiegelbild einschüchternd, weil ich heute einfach keinen guten Start in den Tag hatte? Ich mich eh schon minderwertig gefühlt habe? Doch wenn ich mich minderwertig fühle, warum zeigt mein Spiegelbild etwas anderes? Sehen wir doch nicht was oder wie wir uns fühlen, sondern sehen wir einfach was wir sehen? Wahrlich gibt es Tage, an denen sehe ich mich attraktiver als an anderen, obwohl das Erscheinungsbild das selbe ist. Wir können uns also nicht darauf verlassen. Andere sehen mich doch sicher anders als ich mich selbst. Mir kann also mein Spiegelbild egal sein. Er ist ein Lügner, nicht ich. Ich sehe mich, also ihn, doch eh so, wie ich mich fühle oder halt sehe. Ich schlafe wieder ein.

Weitere 76 Minuten später.

Ich stehe mit weitaus besserer Laune auf und gehe zum Spiegel, um einen Blick hinein zu werfen. Na geht doch, alles wieder gut.

„Die Aufnahme in den Club der Ironiker ist eine große Ehre.“, verkündete ich voller Stolz in der zweiten Seminarstunde für Victim. Ich bin ungeduscht, ungewaschen und bin unendlich uninteressiert an diesem Unterricht, schlechte Voraussetzungen, doch ich mache weiter.

„Der Club der Ironiker ist nicht einfach nur ein Club, er ist eine Lebenseinstellung. Der Club ist ein Privileg und du gehörst noch lange nicht dazu!“, erschüttert blickt sie mich an, „Große Namen hat der Club hervorgebracht. Große Taten taten die Täter der Taten die dem Club angehörten. Jedes Mitglied des Clubs ist in der Gesellschaft hoch angesehen und weit respektiert. Die Clubmitglieder sind nicht einfach nur Clubmitglieder, sie sind was jeder sein will, sie sind …“, ich mache, um die Dramatik, die Spannung zu erhöhen, eine kleine Kunstpause von 27 Minuten.

14 Minuten später. Ich hole mir ein Kaffee, brauche dafür zwei Minuten.

11 Minuten später

Die Spannung zerreist einen fast.
„Sie sind … Ironiker! Aber genug von mir, es geht ja heute um dich!“

„Was ist Ironie? Wie kann Ironie dir helfen Selbstvertrauen zu erlangen?“ Definieren wir Ironie, genauer die rhetorische Ironie:

Die einfachste Form der rhetorischen Ironie besteht darin, das Gegenteil von dem zu sagen, was man meint […] In der Regel beruht das Verstehen von Ironie darauf, dass Sprecher und Hörer wissen, dass sie bestimmte Überzeugungen teilen, man spricht auch von „geteilten Wissensbeständen“. […]

Quelle: Wikipedia

Stille. Wir lassen diese Definition, diese Wissenserweiterung auf uns wirken. Ich schließe langsam die Augen und hoffe Victoria tut es mir gleich. Ruhe, Besonnenheit, wir müssen unseren Geist für die Offenbarung von jeglichen Fesseln der Gesellschaft befreien. Wir müssen uns öffnen für Neues und alte Laster ablegen.

10 Minuten später

„Herr Elodeon?“, höre ich leise in der Ferne flüstern. „Herr Elodeon, schlafen Sie?“, ich hätte die Gedanken lieber laut äußern sollen und nicht darauf hoffen, dass unsere kleine zarte Victoria die Welt durch ihre viel zu große Vollrandschmetterlingsbrille in Rot-Brauntönen sieht wie ich. Wobei, wer würde dieses Geschwafel für voll nehmen, ich tue es ja ebenfalls kaum. Scheinbar ist sie nicht bereit, sich vollends zu öffnen, wie auch.

„Herr Elodeon? Können wir weiter machen oder gehört das schon dazu? Ich möchte nicht stören, aber wenn es irgendwie möglich wäre und es keinerlei Umstände macht, müsste ich heute vielleicht etwas früher los um meine Oma Asta von ihrer Canastarunde bei ihrer Freundin Inge zurück zum Altersheim „Glückliches Ende“ zu bringen. Wissen Sie meine Oma sitzt im Rollstuhl und hat ja sonst …“

„RUHE!“, rufe ich, „Nein, sie können heute nicht früher los. Da „, vorsicht vor dem Wortspiel, „kann Asta mal Canasta spielen, bis das glückliche Ende kommt.“

Victoria beginnt zu weinen.

Ich lasse mich in meinen Sessel fallen und schließe die Augen. Was mache ich hier eigentlich? Ich bin fernab von dem, was ich eigentlich machen will. Da steht dieses nigelnagelneu Mikrofon in meiner Abstellkammer und wartet darauf, meinen Sprechgesang digitalisieren zu dürfen und ich sitze hier … mit ihr. Bis in die Nacht hatte ich gestern noch Eierpappen an die Wand gepinnt, Kabel verlegt, einen kleinen Klapptisch an die Wand gebracht für meinen Laptop und war anschließend zu müde, um es mal zu testen. Ich sollte eigentlich meinen ersten Track der Öffentlichkeit zugänglich machen, den ersten Schritt für meine Karriere als Rapper gehen und doch sitze ich hier … mit ihr. Anstatt Geld zu verdienen, sollte ich lieber einen Text schreiben, wie broke (pleite) ich bin, das kommt immer gut und nahezu 90 % der Jugend kann dem nachempfinden, das catcht die Leute. Ich stehe auf, um mir einen Kaffee zu holen und komme dabei an dem Spiegel in meinem Flur vorbei. Dieses mal schaut mich ein HipHopper an, ein Rapper, ein MC mit Cap auf dem Kopf und fiesem Gesichtsausdruck, was soll mir das wohl sagen.
Als ich wieder ins Wohnzimmer komme, hatte sich Victim gefangen, es kann weiter gehen.

„Kommen wir zur Theorie der Ironie. Nehmen wir uns noch mal die Definition vor.“ Dazu zeige ich Ihr mein vorbereitetes Flipchart, wo ich die Definition noch mal zur Verdeutlichung niedergeschrieben habe.

Die einfachste Form der rhetorischen Ironie besteht darin, das Gegenteil von dem zu sagen, was man meint […] In der Regel beruht das Verstehen von Ironie darauf, dass Sprecher und Hörer wissen, dass sie bestimmte Überzeugungen teilen, man spricht auch von „geteilten Wissensbeständen“. […]

Quelle: Wikipedia

„Um die Ironie zur Stärkung des Selbstvertrauens zu nutzen, müssen wir zum einen den Anteil der Ironie in unserem täglichen Gesprächen erhöhen und zum anderen müssen wir einiges an der Definition aushebeln, beziehungsweise etwas ausblenden. Wir vernachlässigen nämlich den geteilten Wissensbestand“, dazu streiche ich gekonnt mit einem schwarzen Edding „geteilten Wissensbestand“ durch, „wenn wir Ironie anbringen. Wir nutzen die Ironie als eine Art Schutzschild, jedenfalls müssen sie sich das immer wieder sagen. Was ich nun sage, meine ich eigentlich gar nicht so. Das ist der Leitfaden.“

„Verstehe ich nicht!“ Die Fragezeichen ersetzen quasi das Schwarze der Pupillen von Victorias Augen. Ich frage mich, ob ich mich nicht etwas übernommen habe. Victoria scheint das Auffasungsvermögen einer 8″-Diskette in der Welt der Terrabyte-Festplatten zu haben. Klar, sie ist niedlich irgendwie, aber irgendwas läuft da neben der Bahn wie das kleine Häschen bei Hunderennen.

„Das kann auch nur ein Intellekt meines Ausmaßen wirklich verstehen, immerhin habe ich die Theorie ja auch entwickelt!“, gebe ich mit gespielter Hoffnungslosigkeit zurück.

„Sie haben wohl Recht. Sicher haben sie studiert, ich nämlich leider nicht.“ Sie packt geknickt wie ein Eselsohr (da passiert es schon wieder, ich benutze Wie-Vergleiche, die eigentlich in meine Raptexte gehören und nicht in meine Erzählungen. Ich muss ans Mic und Parts flexen wie ein Metallarbeiter) ihre Sachen in Ihren Jutebeutel. Als hätte Victoria gewusst, wie das heute ausgeht prangt mir die Aufschrift „Hängen Gelassen“ auf ihrem Jutebeutel entgegen. Mit einem Blick, der sagt „Es ist nicht ihre Schuld, es ist meine!“ will sie sich von der Couch erheben um die Wohnung, das Seminar zu verlassen.

„Aber genau das ist es. Ich habe einen von mir ironisch gemeinten Satz geäußert und sie nehmen das für bare Münze. Sie sehen mich als intellektuellen Menschen und ich sehe, dass meine angebrachte Ironie nicht als Ironie aufgefasst wird. Der „geteilte Wissensbestand“ fehlt, da sie mich nicht kennen und nicht wissen ob ich intelligent bin oder nicht. Klar, ich bin verblüfft, dass sie mir das so einfach abkaufen, lasse sie aber in diesem Denken und sehe für mich, wie einfach es ist, Menschen glauben zu machen, ich wäre wirklich so. Wenn die Leute es glauben, wird es schon stimmen und ich nehme diese Rolle dankend an. Sollte jemand die Ironie tatsächlich als Ironie auffassen, dann waren wir halt ironisch. Wir bauen uns eine Art Schutzschild um unsere Aussagen auf. Denkt jemand wir seien mit der Aussage arrogant, geben wir das Gesagte als Ironie preis und wir sind aus dem Schneider. Das funtkioniert, wie gerade gesehen, vor allem bei Menschen die wir nicht besonders gut kennen.  Mit der Zeit fällt uns dies immer leichter und wir geben solche Äußerungen bald schon automatisch zum Besten. Die Leute sehen uns dann in einem anderen Licht und somit ändert sich auch unser Selbstvertrauen, wenn uns die Menschen entsprechend des Lichteinfalls betrachten.“

Victoria ist gegangen, sie wird aber zur nächsten Stunde erscheinen. Heute muss sie Ihr Oma ins „Glückliche Ende“ bringen. Wer denkt sich nur solche Namen aus? Meine letzten Worte lasse ich mir bei einer kühlen Cola auf dem Balkon noch mal durch den Kopf gehen. Belüge ich mich selbst? Eher belüge ich die anderen. Irgendwann glaube ich einfach selbst an diese Lügen und lebe danach bis es keine Lüge mehr ist. Also eher eine Teillüge.

Tja, das ist schon alles abgefahren, wie die Reifen am Ende eines Arbeitstages von Sebastian Vettel. Verdammt, gib mir Stift und Blatt, ich muss rappen!

Es grüßt

Mick Elodeon

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