04 – Club der Ironiker

Ich weiß, ich wollte heute eigentlich den Track hochladen, doch die letzte Woche war nicht gerade einfach. Es hat etwas gedauert, bis ich den Versuch an Geld zu kommen wirklich verdaut habe und das meine ich wie ich es sage. Es ist nun leider so, dass ich immer noch kein vernünftiges Mikrofon habe und so die Qualität immer noch unglaublich schlecht ist. Irgendwie dreht sich hier alles immer um Geld, traurig.

Ich werde jetzt erst ein mal einkaufen gehen, essen muss ich ja trotzdem.

Während ich so zwischen Tiefkühlpizzen und Fünf-Minutenterinen schlendere, sehe ich eine kleine Verkäuferin, die einen kleinen Disput mit einem weiteren Kunden zu haben scheint. Nun verlangt der Dienstleistungswille natürlich die sofortige Untergebenheit der Verkäuferin, doch das Bild welches sich mir da bietet, lässt jeden krummbuckligen Ja-Sager zu einer Leitfigur jeder Revolution einer diktatorischen Kleininsel aussehen. Die sich vor meinen Augen abspielende Unterwürfigkeit, wie sich die kleine, zarte Verkäuferin, die sich sicher nichts hat zu Schulden kommen lassen, von einer derartigen Bosheit in Rentnergestalt zerfleischen, ach was sage ich, vernichten lässt, lässt mein Herz im nu erweichen, sodass ich ihr einfach zur Hilfe eilen muss. Mit aufrechtem Gang, festen Schritten, die durch den ganzen Supermarkt hallen, gehe ich also auf das Geschehen zu. Nun erkenne ich auch deutlicher den Übeltäter, der der armen, hilflosen Fachfrau den heutigen Tag versaut. Es war eine ältere, aber rüstige kleine Dame. Als ich mich nun in Hörweite befand, konnte ich die haltlosen Anschuldigungen und Dreistigkeiten vernehmen:
„Junge Frau, ich möchte doch nur wissen, wo sich die Doppelkekse befinden, die mag mein kleiner Jochen doch so gerne.“, schreit sie quasi in einer kaum annehmbaren Hysterie heraus. Kein Wunder, dass die zarte, laut Namensschild Victoria Timoczewski, nennen wir sie liebevoll VicTim, knapp vor dem Zusammenbruch steht.

Wie ein Ritter in weißer Rüstung werf ich mich schützend, den Feuerschwall abwehrend vor die, vom bösen Drachen bedrohte und nicht gerade unattraktive, Prinzessin und verteidige sie mit folgendem Satz:
„Gang drei, am Ende, mittleres Fach.“, sage ich, „Und nun zieh geschwind von dannen, denn nun werde ich hier keinen Zwist mehr zulassen. Die holde Dame steht unter meinem Schutz und wehe ihr erdreistet euch ein zweites Mal solch Unruhe zu stiften!“, wollte ich noch hinzufügen, tu es aber nicht.
Victim ist selbstverständlich sehr dankbar, kann es aber nicht zeigen. Sie streicht sich eine blonde Locke aus ihrem Gesicht und ein wages Lächeln lässt sich vermuten. Eindeutig fehlt der aufstrebenden Verkäuferin jedoch das nötige Selbstvertrauen und in diesem Moment wächst langsam eine Idee in mir, über meinem Kopf leuchtet quasi eine Energiesparbirne langsam auf.

Ich werde einen Kurs eröffnen, der Menschen, wie der armen Victim, ihr Selbstvertrauen wiedergeben wird, bzw. Ihnen Selbstvertrauen veleihen wird. Daraufhin wurde Victim auch gleich zum nächsten Tag in meine Seminarräume eingeladen. Ich muss noch einiges besorgen, Flipcharts, Namensschilder, Edding und Tee. Die Räumlichkeiten, derzeit mein Wohnzimmer, muss hergerichtet werden. Jedoch wird der erste Seminartag in meinem Keller stattfinden …

Am nächsten Tag

Victoria kam pünktlich, wie erwartet, zu unserem Termin. Ihr Erscheinungsbild gleicht einer trostlosen Landschaft. Um ihre Schulter hat sie einen Jutebeutel hängen, wenigstens da geht sie mit der Zeit. Dieser Jutebeutel ist selbstverständlich mit einem Spruch verziert „Ja, isn Jute(r)beutel“, witzig dieser neue Trend. Beim restlichen Outfit wäre selbst die graue Maus der grauesten Mäuse im Vergleich zu Victoria ein bunter Paradiesvogel der einem zugedröhtem Langzeithippi nach dem kräftigsten Zug seines Lebens an dem mit dem besten Dope bestücktem Joint des Landes erschien. Doch genug der Superlative.

„Warum sind wir heute hier?“, beginne ich die erste Stunde epochal, mit weit ausgebreiteten Armen, in einer schwarzen langen Robe, die bis zum Boden reicht, sodass man nicht sieht, dass ich auf einem kleinen Tritt etwas erhoben stehe.
„Weil sie sagten, ich müsse kommen, es ginge um Leben oder Tod.“, gibt sie schüchtern zurück.

„Und das ist auch genau der Punkt, es geht um Leben oder Tod, nämlich um dein Leben!“, verkünde ich lauthals.

„Wieso, was ist mit mir? Bin ich krank? Sind sie ein Arzt? Na toll, ich will nicht sterben, ich habe mir doch gerade erst ein neues Auto gekauft, einen Twingo, mit roten Ledersi…“ Sie ist den Tränen nahe und schlägt die Hände vor ihr Gesicht zusammen.

„Habe keine Angst, die einzige Krankheit der du erlegen bist ist eine von dir geschaffene. Es ist der fehlende Glaube an dich selbst. Aber warum sollst du auch an dich glauben? Welchen Wert hast für die Welt, für deine Umgebung, für dich selbst? Kannst du mir diese Frage beantworten? Nein, kannst du nicht. Warum bist du heute hier? Bei einem wild fremden Mann, ich könnte dich hier gefangen nehmen! Würde dir jemand nachtrauern? Würde dich jemand suchen? Nein, niemand! Sind wir doch mal ehrlich! Auf der Arbeit nimmt dich auch niemand wahr, oder kennt dein Chef deinen Namen?“, stelle ich sie zur Rede. Man muss erst den Boden küssen, um zu wissen, dass man ganz unten angekommen ist.

„Na hören Sie mal!“

„Beantworte die Frage, gehe tief in dich und sei ehrlich!“, fordere ich sie auf.

„Ähm, das … das geht …“ Sie versucht auszuweichen.

„Flüchte nicht vor der Antwort!“

„Nein kennt er nicht, niemand kennt meinen Namen. Ich werde von keinem wahrgenommen, ich habe keine Freunde“, sie beginnt zu weinen, „ich will doch auch geliebt werden, ich will anerkannt werden! „, sie beginnt zu schreien, „Warum liebt mich niemand? Warum bin ich so alleine?“, Sie wird hysterisch und ich bekomme Angst. „Mein Leben hat keinen Sinn, ich will nicht mehr. Warum bin ich nur hier?“ Und genau da setze ich ein, richte meine Brille wieder zurecht und sage mit erhobenem Haupt:

„Weil heute dein neues Leben beginnt. Ich werde dir helfen zu dir selbst zu finden. Ich gebe deinem Leben einen neuen Sinn.“ Ich legte meine rechte Hand auf ihre Stirn.

„Aber wie?“, sie kniet vor mir nieder, mich anschauend, mit einem funken Hoffnung in ihren Augen.

„Mit Ironie. Willkommen im Club der Ironiker.“, sage ich ruhig.

Anschließend weint sie volle zwei Stunden, vielleicht weil sie erleichtert ist, da ihr nun bewusst wird wie es um sie steht, wegen der erleuchtenden Erkenntnis ihres Problems oder einfach nur weil ihr schmerzlich bewusst wird, dass ich keine Ahnung von nichts habe und nur ihr Geld will. Als ich ihr dann anschließend die Rechnung über 150 Euro für den Seminartag reiche, weint Sie weitere zwei Stunden. Eigentlich waren es anfangs 100 Euro, doch hat sie nicht das Selbstvertrauen zu widersprechen. Da sie das Geld auch nicht bar bei sich hat, schicke ich Sie umgehend zum nächsten Bankautomaten.

Als sie wiederkam machen wir den nächsten Termin aus und sie verschwindet. Ich kann nun zu Soundkauf und werde endlich mein Mikrofon kaufen. Jetzt kann ich endlich den Track recorden und danach muss ich mich auf die nächste Stunde mit Victim vorbereiten. Mit Ironie Selbstvertrauen erlangen, bei mir hat es ja auch geklappt, man muss die Pfeiler der Ironie nur etwas zum Wanken bringen, doch das werde ich Victoria das nächste Mal erzählen, dann wird sie auch mehr Vertrauen haben.

Es grüßt

Mick Elodeon

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